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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 86 (sequence 16)
Language
German
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86 MENORAH Hand, mit vollen Backen und kurzem Haar. Er riß sich von der Mutter los, lief voll Freude darüber, daß er länger wach bleiben durfte, auf den Vater zu und küßte ihm die Hand. „Dobry wieczor*)", sagte er Polnisch. (Im Hause wurde, seit Kinder da waren, Russisch und Polnisch gesprochen.) Der Vater nahm den Sohn auf den Schoß und streichelte ihm den Kopf: „Erzähle mir etwas, Boris, wie geht es?6' „Gut!" sagte der Junge mit nüchtern-praktischem Ton und wiegte ernst den Kopf. „Nur das Fräulein hat mir heute eine schlechte Note gegeben/4 „Wir wollen dir eine neue Lehrerin fürs Russische nehmen — willst du?" sagte Sonja. „Ja, ich will. Aber bitte, Mama, sei so gut und sage ihr, daß sie mir nicht viel aufgeben soll; ich habe keine Zeit", erwiderte der Kleine in demselben nüchtern-praktischen Tonfall. Alles lachte, bis auf den kleinen Boris. Er merkte wohl an dem Lachen der Großen, daß er etwas Gescheites gesagt hatte, wußte jedoch nicht, was es war. Das Nachtessen wurde aufgetragen. In der Tür erschien die Gouvernante, ein altes deutsches Fräulein mit welkem Gesicht, und rief: „Boris, schlafen gehen!" Boris wollte die Gesellschaft nicht verlassen, Alexander nahm sich seiner an: „Laßt ihn hier!" sagte er. „Ein prächtiger Junge; der wird sicher einmal ein tüchtiger Kaufmann oder Advokat und bestimmt kein Philosoph." Sonja nahm den Knaben auf ihren Schoß und man speiste. Es dauerte nicht lange, da lehnte sich Boris an die Schulter der Mutter; er konnte dem Schlaf nicht widerstehen und die Augen fielen ihm zu. Die Mutter zog ihn fest an sich, sah ihm ins schlafende Gesicht und auf ihrem Antlitz leuchtete stilles, volles Mutterglück; so sah sie viel schöner, sympathischer und wahrer aus als sonst und Alexander erkannte in ihr die Frau wieder, die ihm so lieblich erschienen war, als er sie bald nach ihrer Hochzeit am Arm ihres Gatten in Berlin gesehen hatte. „Ein Kind zu haben, das so im Arm der Mutter einschläft!" ging es ihm durch den Sinn und er erinnerte sich der Worte in seinem Brief an den Freund: „Wenn ich Kinder haben soll, dann nur von so einer Frau!" „Nun, soll das Fräulein kommen?" fragte er seine Schwägerin. „Gewiß, gewiß!" antwortete sie lächelnd. •) Guten Abend!

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