Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 82 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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82 MENORAH „Pfui! Wie gemeint" fuhr die Kratowa auf. „Solche Männer gefallen mir auch nicht", sagte Ljuba nachdenklich und sah Weinsteins Gesicht in allen Einzelheiten vor Augen .. . * Dr. Weinstein schrieb an demselben Tage, an dem er Ljuba die Geschichte von der mißlungenen „Beschau" erzählt hatte, seinem Freunde in Berlin einen langen Brief. Dieser Freund, ein armer kranker Maler, stand ihm sehr nahe. Er schilderte ihm sein Leben in Warschau und schrieb dann: ,,.. . Aus Langeweile habe ich die Bekanntschaft einer Studentin gemacht. Jüdin, Revolutionärin. Ein entzückendes Geschöpf: graziös, klug und offen in allem und jedem; und was die Hauptsache ist — jung, jung! Alles, was sie spricht, kommt bei ihr reizend heraus, auch wenn sie abgestandene Phrasen gebraucht. Sie absolviert jetzt den geburtshilflichen Kursus und will dann auf ein Dorf, um unter Bauern zu arbeiten und sie zu Revolutionären zu machen. Wenn ich darüber lache, gerät sie in Eifer und wird böse, schwatzt allerlei dummes Zeug und ist dabei so lieb, das kannst Du Dir nicht vorstellen! Nur keine Angst, ich bin nicht verliebt. Aber eines weiß ich — wenn ich wirklich einmal mit dem Heiraten Ernst mache, aus unserer sogenannten jüdischen Bourgeoisie nehme ich keine. Wenn ich manchmal so meine neue Bekannte ansehe, dann geht es mir, Gott weiß wie, durch den Kopf: wenn ich Kinder haben soll, dann nur von so einer Frau. Und doch — Du magst es glauben oder nicht — gibt es Momente, da ich sie ansehe und erschrecke. Ich komme mir wie ein wildes Tier vor, das sich auf eine wehrlose Beute stürzen will. Ich weiß nicht, wie ich Dir das begreiflich machen soll. Ich bin 37 Jahre alt, mein Herz ist kalt — und da ist ein junges, frisches Mädchen, mit ihrem ganzen Jugendglauben, erfüllt von allen ihren Hoffnungen. Das alles kann mir gehören, weil.. . weil ich reich bin. Gemein, niedrig, unmenschlich, was?! Wenn sie mich liebte, läge der Fall anders. Aber sie liebt mich nicht. Das fühle ich aus ihren Worten, aus ihrem Blick. Doch — vielleicht täusche ich mich? Woher soll ein verlebter und vom tatenlosen Leben zermürbter jüdischer Bourgeois die Gewißheit eines Liebesbesitzes nehmen? Übrigens — die Tonart kennst Du ja. Und Ljuba Fiedler (so heißt sie) ist ein schönes, liebes Geschöpf. Ich sehne mich jetzt nach ihr ..