Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 81 beginne das Gespräch seelenruhig — im schönsten jiddischen Jargon! Den Blick, den meine Schwägerin mir zuwarf, hätten Sie sehen müssen! Ich fürchte — sie wird bei mir nicht mehr die Heiratsvermittlerin spielen wollen!" „Sie sind ein schrecklicher Mensch I" Ljuba lachte hell auf. Sie war diesmal noch frischer und blühender als sonst und kindisch-fröhlich. Der besondere Reiz ihrer Figur, der Weinstein schon im Theater so gefesselt hatte, lockte und forderte geradezu heraus, sie zu umarmen und zu liebkosen. „Wenn Sie erlauben, werde i c h Sie schaukeln", sagte Weinstein und setzte den Stuhl in Bewegung. Doch damit war für Ljuba die Grenze überschritten. Sie sah ihn streng an und der Abglanz kindischer Fröhlichkeit schwand aus ihren Augen. Wieder fand er in ihrem Blick etwas Unfreundliches, das ihn zurückstieß. Bald erhob sie sich, verabschiedete sich kühl und ging. In ihrem Kopf wogte ein Durcheinander von Gedanken und Gefühlen. Vor allem fand sie keine Antwort auf die Frage: „Was für einen Zweck und Sinn haben diese Besuche bei ihm? Er ist nicht meinesgleichen und vielleicht lacht er gar über mich." Wenn sie an sein müdes Gesicht dachte und an sein kühles Lächeln, das Lächeln eines Menschen, der schon alles Glück und alle Liebe der Welt genossen hatte — da fühlte sie etwas wie Haß in ihrem Herzen erwachen, Haß gegen diesen Dr. Weinstein und sein kühles Lächeln. ,,Er ist auch nicht schön4sprach sie vor sich hin, als wollte sie sich damit an dem Manne rächen für das kühle Lächeln über Empfindungen, die oft und oft wie ein Sturm ihre junge Brust aufgewühlt und ihr den Atem geraubt hatten. Doch das enge Zimmer daheim wurde ihr noch enger, noch öder. Und die innige Freundschaft mit der Kratowa — schwächer. In dem dumpfen schiefen Zimmer befand sich jetzt außer den beiden Mädchen noch ein Drittes, ein nicht gelüftetes Geheimnis — Ljubas unruhiges Gewissen. „Könntest du einen Mann heiraten, den du nicht liebst?" fragte Ljuba einmal ganz unvermittelt ihre Freundin. „Was redest du da, Närrin? Wer kann das?" „Ich könnte es auch nicht", sagte Ljuba leise, als spräche sie mit ihrem eigenen Herzen. Nach einer drückenden Pause fragte sie weiter: „Sag', kann man einen Mann lieben, der schon sehr viel geliebt, viele Frauen besessen hat?"