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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 80 (sequence 10)
Language
German
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80 MENORAH Er versuchte nicht, sie zurückzuhalten; denn in ihren Mienen und in ihrem Ton lag etwas, das solcher Absicht nicht günstig war. „Leben Sie wohl! Sie sehen, ich halte Sie nicht zurück. Doch Sie müssen mir versprechen wiederzukommen. Nicht wahr, Sie kommen wieder?" „Wir wollen sehen", antwortete sie kühl. „Nein, versprechen Sie es mir, ich bitte Sie sehr darum; Sie kommen?" Wieder fürchtete Ljuba, ihn zu beleidigen und versprach es. Die Besuche bei Weinstein gaben ihr viele frohe Minuten. Es gab aber auch schwere, leere Augenblicke, wo kein Gespräch recht in Gang kam und beide den tiefen Abgrund der Entwicklung, des Alters und des Standes fühlten, der zwischen ihnen lag. Bei einem dieser Besuche war Ljuba besonders froher Laune. Sie saß auf dem Schaukelstuhl und wiegte sich und Weinstein erzählte eine lustige Familienepisode: „Ich habe hier in Warschau eine Schwägerin. Sie ist die ,Gebildete£ in unserer Familie. Tatsächlich hat sie ein Lyzeum besucht, mehrere Sprachen erlernt und sich mit allerlei befaßt. Was jetzt aus ihr geworden ist, das ist eine Sache für sich — jedenfalls erhebt sie den Anspruch auf Bildung und ist überdies eine sehr schöne Frau. Kurz und gut — auf sie setzt meine Familie ihre ganze Hoffnung, daß es ihr gelingen würde, einen Menschen aus mir zu machen. Einen Menschen aus mir machen, das heißt, weniger bildlich gesprochen, mir zu einer Frau und einer großen Mitgift verhelfen." „Die Frauen werden Ihnen also gewissermaßen zugeführt!" warf Ljuba lachend ein. „Nur Geduld, es kommt noch besser! Vor einigen Tagen sagte sie mir mit geheimnisvoller Miene, ich möge am nächsten Tag zu ihr zum Tee kommen. ,Kornm im Gesellschaftsanzug,' raunte sie mir ins Ohr, ,es werden Gäste hier sein.' Selbstverständlich kam ich — in demselben Anzug, in dem ich hier vor Ihnen sitze. Stellen Sie sich nun die Szenerie vor: bei Tisch saß eine ältere Dame, neben ihr ein Mädchen, offenbar ihre Tochter, meine ,Zukünftige', daneben meine Schwägerin Sonja. Als die mich in dem eleganten Aufzug sah, wurde sie verlegen. Doch sie ist geschickt und verstand es sofort, die Situation zu retten: ,Ah, das ist reizend! Wir haben dich heute gar nicht erwartetl' begrüßte sie mich. Dann wandte sie sich mit ein paar französischen Brocken an das junge Mädchen und stellte mich vor. Das arme Geschöpf wurde rot bis über die Ohren. Ich aber — welcher Skandal! —

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