Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 79 „ . . . Nein, das habe ich mir wahrhaftig nicht vorgestellt — eine emanzipierte Frau ist noch nicht frei von so dummen Vorurteilen? Sie haben Angst, zu mir zu kommen?" sagte er mit seinem liebenswürdigen, etwas zu kühlen Lächeln. Und Ljuba wußte nichts zu erwidern. Eines Nachmittags hörte Weinstein an der Tür seiner Wohnung ein leises Pochen. Er stand auf und öffnete. Ljuba trat ein. Er schüttelte ihr herzlich die Hand und auf seinem Gesicht war die Freude so deutlich zu lesen, daß Ljuba es merkte und lächelte. „Ich habe Sie am Klopfen erkannt, an dem schüchternen, unentschlossenen Klopfen", sagte er lachend. „Ich komme nur auf eine Minute, ich möchte mir bei Ihnen etwas zum Lesen nehmen." „Nur auf eine Minute? Auch recht. Nehmen Sie Platz!" Ljuba hatte sich tatsächlich vorgenommen, nicht zu lange zu bleiben. Sie wußte nicht, wovon sie eigentlich mit Weinstein sprechen und wie sie sich überhaupt verhalten sollte. Sie hatte sich vorgestellt, es würde ebenso gezwungen und ungemütlich sein wie damals, als er ihr seinen Besuch gemacht hatte. Doch sie wurde angenehm enttäuscht, denn es war ganz anders: sie fühlte sich in der großen, hellen, mit Geschmack eingerichteten Wohnung sehr wohl und frei. Weinstein sah zu Hause frischer und jünger aus. Er trug einen einfachen kurzen Arbeitsrock. Sein Haar war ein wenig in Unordnung, genau so viel, wie es für einen beschäftigten Menschen paßt. Auf seinem Arbeitstisch lagen Bücher in mehreren Sprachen, einige aufgeschnitten, andere noch nicht berührt, dazwischen Zeitungen, illustrierte Zeitschriften, Bilder. Er zeigte und erklärte ihr alles. Sie quittierte mit einem stereotypen „Sehr interessant, wirklich sehr interessant!" und freute sich dabei innerlich, daß sie sich nicht getäuscht hatte, daß er wirklich ein Mann von mehr als durchschnittlicher Intelligenz war. „Ah, solch ein Möbelstück haben Sie auch!" rief sie und wies auf einen Schaukelstuhl, der im Arbeitszimmer stand. Rasch setzte sie sich darauf: „Wunderbar! Großartig!" Sie schaukelte langsam und wohlig und freute sich wie ein Kind. Er stand neben ihr, entzückt von dem reizenden jungen Geschöpf, für das es im Leben noch so viel Vergnügen gab und so viele Dinge, die ihr Freude machen konnten. Doch plötzlich stand sie auf, als wäre ihr mit einemmal etwas eingefallen. Ihr Gesicht wurde ernst. Sie empfand, daß sie sich schon zu viel erlaubt hatte. „Was tue ich eigentlich bei ihm?" fragte sie sich und fand keine Antwort. „Es ist Zeit, daß ich gehe. Leben Sie wohl."