Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 78 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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78 MENORAH entwickelt, mit einem Wort — ich war bemüht, das zu werden, was man einen Kulturmenschen nennt. Jetzt zeigt es sich, daß das kein Vorteil ist, sondern ein Fehler. Daß ich ein Diplom besitze, gefällt meinen Leuten natürlich sehr, obw7ohl weder ich, noch andere davon Nutzen haben. Doch meine Philosophie4, wie sie es nennen, die können sie nicht vertragen und sehen mich für eine Art von Monstrum, zum mindesten für einen ungeratenen Sohn an. Sie haben gefunden, daß es für mich nur eine Rettung gibt: zu heiraten. Mir verschafft das nicht gerade viel Vergnügen, denn alle meine Tanten und Großtanten halten es für ihre Ehrenpflicht, eine Frau für mich zu finden. Ich habe keine Minute Ruhe. Das ist mir derart zum Ekel geworden, daß ich jeden Verkehr mit den Leuten abgebrochen habe. Das hat natürlich zu einem Familienskandal geführt: der Vater ist böse, die Mutter schreibt Jammerbriefe, die Verwandten rücken mir auf die Bude... So bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als wieder ins Auslanji zu gehen." Weinstein beendete das lange Selbstgespräch und sah Ljuba fragend an; offenbar wußte er selbst nicht, warum er ihr das alles erzählte. ,,Es gibt wenige Glückliche auf der Welt," — Ljuba, die froh war, daß er geendet hatte, seufzte — „ich beneide die Menschen, die ein Lebensziel erstreben und darüber sich selbst vergessen können. Die haben es gut; sie haben keine Sorgen, denken nicht an sich — und damit fertig!" Dr. Weinstein lenkte von dem peinlichen Gesprächsthema ab und sie plauderten eine Zeitlang vom Theater, von Warschau und anderen gleichgültigen Dingen. Es war sehr spät, als er sie nach Hause begleitete. Beim Abschied vor dem Haustor drückte er ihr fest die Hand. „Fahren Sie bald ins Ausland?" fragte sie. „Noch nicht so bald", antwortete er und ein frohes gutes Lächeln zog über sein müdes Gesicht. J_jjuba Fiedler wußte genau, daß Weinstein in sie nicht verliebt war; deshalb sah sie ihn gern und hörte ihm gern zu. In der letzten Zeit besuchte sie ihn in seiner Wohnung. Lange hatte sie sich dagegen gesträubt. „Was habe ich mit ihm gemeinsam?" sagte sie sich. „Warum soll ich zu ihm kommen? Nein, das darf ich nicht." Doch er bat sie so oft darum und sie wollte ihn nicht beleidigen. (Ljuba hatte stets Angst, ihn durch ein Wort zu beleidigen, w7enn sie mit Weinstein sprach.) III.