Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 77 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912882-2921524--06194-2921587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LJUBA FIEDLER 77 „Ist er nicht am Ende ein Spitzel?" „Was fällt dir ein! Da verkennst du ihn ganz!" Ljuba brach das Gespräch ab ... Einige Tage später erhielt sie durch die Post ein Theaterbillett mit ein paar Zeilen von Dr. Weinstein, darin er sie bat, abends ins Theater zu einer Wagner-Oper zu kommen. Im Theater begrüßten sie einander wie alte Bekannte. „Sie sind sehr liebenswürdig!" sagte Ljuba mit ein wenig ironischem Unterton. „Ich hatte so Lust, heute ins Theater zu gehen, denn ich liebe Wagner überaus! Aber, um die Wahrheit zu sagen, ich hatte kein Geld. Und da waren Sie der »Retter*. Ich danke Ihnen!" Die letzten drei Worte kamen im Gegensatz zu dem Vorhergehenden so natürlich und frei heraus, daß beiden wohl dabei ward. Der Abend war für Ljuba ein Fest. Gewöhnlich saß sie im Theater auf den letzten Plätzen, wo sie, um zu sehen, sich vorbeugen und achtgeben mußte, daß sie nicht fiel. In dieser Pose hatte Dr. Weinstein sie zum erstenmal bemerkt; sie stand damals auf einer Bank und hielt sich an einer Säule fest; ihre schlanke biegsame Figur hatte in dieser Stellung einen besonderen Reiz auf Weinstein geübt. Diesmal saß sie in der ersten Reihe, gegenüber der Bühne, bequem und ungestört. Weinstein gefiel ihr heute mehr als sonst. Er saß schweigend, mit ernstem Gesicht da. Zum erstenmal bemerkte sie in seinem Gesicht einen tiefen alten Gram; er saß so tief in diesem Antlitz, daß er mit dem Manne, dem das Gesicht gehörte, geboren zu sein schien. Nach dem Theater gingen sie in ein Kaffeehaus. Ljuba war, wie immer nach dem Theater, freudig erregt; und im Cafe herrschte so viel Licht und Glanz . .. „Es ist doch angenehm, Geld zu haben!" ging es dem Mädchen durch den Sinn. Ihre Augen leuchteten, ihr leichter graziöser Körper sah noch frischer, blühender aus als sonst. Sie merkte, daß man sich oft nach ihr umwandte . .. Weinstein saß ihr gegenüber mit matten x\ugen, als wäre er sehr müde. „Sie wissen gar nicht, was für eine Sphäre das ist, in der ich aufgewachsen bin!" begann er plötzlich, wie wenn er sich für seine schlechte Stimmung vor ihr entschuldigen wollte. „Unsere jüdische Bourgeoisie, das ist das Schlimmste, was man sich denken kann: roh, verdorben, ohne Gott, ohne Geschmack, ohne Stil, ohne Zukunft, ohne Tradition ... es gibt nur ein Lebensinteresse, einen Lebensinhalt ■— Geld. Da haben Sie's: ich habe zehn Jahre im Ausland gelebt, habe mir das Leben ringsum angeschaut, studiert, gelesen, gedacht, mich