Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 76 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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76 MENORAH Sie waren vor Ljubas Wohnung angelangt und blieben stehen. Das Gespräch stockte. Nach einer kleinen Pause sagte Dr. Weinstein: „Noch etwas, Fräulein; ich würde mich sehr, sehr freuen, Sie öfter zu treffen." „Warum denn?" fragte Ljuba, ein wenig neugierig und ein wenig kokett zugleich, und richtete ihre großen offenen Augen geradewegs auf sein Gesicht. „Nehmen wir an, aus Langeweile. Nein — um die Wahrheit zu sagen," Weinsteins Ton wurde ernst, „ich bin hier in Warschau ganz fremd, habe keine Bekannten aus dem Kreise der Intelligenz und darum wäre es mir sehr, wirklich sehr angenehm, mit Ihnen öfter zu plaudern." Dr. Weinstein hatte trotz seines „gänzlichen Mangels an jeglicher Begabung" (er selbst sagte das von sich und bezeichnete sich als einen Menschen, der auf der Welt den anderen nicht zum Nutzen und sich nicht zum Vergnügen lebte) eine gewisse Art, die ihn zeitweilig sehr sympathisch machte; wenn er es wollte, war er geradezu kindlich ernst und offenherzig. In solchen Fällen sprach er in ganz anderem Ton, ohne jede Ironie, und der Ausdruck seines müden, unschönen Gesichtes änderte sich so, daß es beinahe schön zu nennen war. Die letzten Worte hatte er nun mit jenem ernsten Ausdruck im Gesicht und in der Stimme gesprochen und in diesem Augenblick gefiel er Ljuba ausnehmend gut. „Es ist möglich", erwiderte sie. „Wenn Sie wollen, besuchen Sie mich; doch ich sage es offen — ich weiß nicht, ob Ihnen meine Wohnung gefallen wird; Sie sind doch, wie Sie selbst sagen, ein Bourgeois ..." „Aber das ist doch lächerlich!..." Als sie in Ljubas Zimmer saßen, war das Gespräch nicht mehr so ungezwungen wie früher. Weinstein erzählte etwas steif von seiner Studentenzeit im Auslande. Dann machte er sich über das enge düstere Dachzimmer lustig und meinte lachend, die schiefen Wände seien überaus interessant; sie seien viel reicher an Linien und Winkeln als die üblichen geraden. Aber alle diese Scherze schlugen nicht recht ein und paßten nicht. Das fühlten beide und als die Kratowa kam, empfahl sich Weinstein bald und ging. „Weißt du," erzählte Ljuba Fiedler ihrer Freundin, „das ist der Doktor, den ich im Theater kennengelernt habe; ein sehr interessanter, gebildeter Mann." „Sozialrevolutionär?" „Nein, ich glaube — er ist gar nichts, bloß interessant. Er langweilt sich und sucht die Bekanntschaft intelligenter Leute. Was gefällt dir nicht?"