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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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LJUBA FIEDLER 75 Das Theater erregte sie stets. Es war das Ungewöhnliche, das Festliche ihres Lebens. Diesmal kam noch etwas dazu: die neue Bekanntschaft, die Komplimente, all das versetzte sie in freudige Erregung; es gefiel ihr.. . Diese festliche Stimmung hielt noch am nächsten Tage an. Doch viele Träume jagen durch ein einsames Leben und verschwinden rasch wieder. Ljuba hatte das angenehme Ereignis bald vergessen. Als sie aber einmal zufällig am Nachmittag mit ihrem raschen, leichten Schritt über die Warschauer Korsostraße, die Marszalkowska, ging, sah sie Doktor Weinstein wieder. Er sah jetzt älter aus als damals im Theater, ein Mann von mehr als dreißig Jahren, mit intelligentem, ein wenig müdem Gesicht und dichtem blondem Schnurrbart; zwei tiefe Linien furchten sich um seine Mundwinkel und kleine Fältehen lagen um seine großen hellen Augen. Sein Schritt war langsam, es war zu erkennen, daß er spazieren ging. Er und Ljuba Fiedler blieben zögernd stehen und begrüßten einander lächelnd. Auf Weinsteins Gesicht war deutlich die Freude über das Zusammentreffen zu lesen. Er fragte Ljuba, wohin sie gehe. Als er hörte, sie wolle nach Hause, begleitete er sie. . . „Doch gehen Sie, bitte, nicht so rasch, ich laufe nicht gern", bat er lächelnd. Wie alle jungen Menschen hatte auch Ljuba Fiedler viel zu fragen. Dr. Weinstein antwortete willig auf alle Fragen. Aus seinen Reden erfuhr sie, daß er der Sohn reicher Eltern war, die in einem kleinen Städtchen des litauischen Gouvernements Kowno wohnten. Er selbst hatte lange im Ausland gelebt und dort das Doktorat der Medizin erworben. Doch mit der Medizin befaßte er sich zurzeit nicht. „Womit befassen Sie sich?" fragte Ljuba. „Ich lebe jetzt ,so' in Warschau'*, das Wort ,,so" begleitete Weinstein mit einem leichten Lächeln, in dem etwas von Selbstironie lag. Ljuba sah ihn verwundert an: „Was tun Sie also hier?" „Das ist schwer zu sagen; wenn man's genau nimmt, eigentlich gar nichts." „Gar nichts?" „Gar nichts!" antwortete er mit dem gleichen Lächeln. „Wundert Sie das? Ich habe reiche Eltern. Die Not treibt mich nicht zur Arbeit, ein inneres Verlangen auch nicht. Ich bin ein echter Bourgeois!" schloß er witzelnd. „Das muß aber, glaube ich, langweilig sein?" „Ein wenig wohl."

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