Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
Seite 74 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912882-2921524--06191-2921584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 MENORAH Ljuba kam spät bei Nacht vom Theater heim, aufgeräumt und freudig erregt. Sie traf ihre Freundin noch wach bei einem Buche sitzen, vor Kälte zitternd, mit schläfrigen Augen. Ljuba drehte die Lampe auf, öffnete den Gürtel ihrer Bluse und begann begeistert von der Oper zu erzählen. Es tat ihr leid, sich so bald von der frohen Stimmung trennen zu müssen, die sie aus dem Theater mitgebracht hatte. In ihrem Ohr tönte noch die Musik, ihr Auge sah noch die farbigen Bühnenbilder — und hier im Zimmer war es traurig, dunkel und öde. „ ... Und im Theater habe ich einen jungen Mann kennengelernt," erzählte sie der Kratowa, die mit dem Schlaf kämpfte, „ein sehr netter Mensch. Er scheint ein Bourgeois zu sein, trägt einen Frack und eine goldene Uhrkette. Und galant ist er, sage ich dir! Er hat mir seinen Platz abgetreten und mir Komplimente gemacht — ach, zum Lachen! Battistini hat göttlich gesungen; ich saß wie eine Fürstin, und mein Kavalier, der ist oben in einem Winkel gestanden, ha, ha, ha! . .." Gern hätte sie noch weiter gesprochen. Doch die Kratowa, die immer schläfriger wurde, hörte nicht mehr zu. Ljuba schwieg und versank in Gedanken. Sie gedachte der Gymnasiastenzeit: Fröhlich flakkerten die Lichter auf dem Eisplatz, das Eis klirrte unter den Schlittschuhen, die Musik spielte; und sie flog über die Eisfläche, lachte froh und hell, und Komplimente wurden in ihr Ohr geflüstert — heiß und kalt zugleich ward ihr dabei. .. Das und noch vieles andere aus der frohen Zeit ihrer ersten Jugend schwirrte durch ihre erregten Gedanken ... Bald lagen die beiden Mädchen im Bette, in dem sie zusammen schliefen. „Weißt du, Marfa," weckte Ljuba ihre Freundin, „er ist ein Intelligenzler, ein Doktor." Es war ihr eingefallen, daß ihr neuer Bekannter sich beim Abschied als Doktor Weinstein vorgestellt hatte. „Wer?" fragte die Kratowa verschlafen. „Der galante junge Mann, der mir seinen Platz abgetreten hat. . . Schläfst du?" „Ja, mein Kind; ich bin sehr schläfrig." Ein Wagen rollte durch die Straße. Die Fensterscheiben zitterten. Es schellte am Haustor. Tritte kamen über die Treppe... „Am Ende eine Hausdurchsuchung? Da werde ich sicher arretiert!" fuhr es Ljuba durch den Kopf. Die Tritte verhallten. „Woher habe ich nur heute die dummen Gedanken?" dachte sie ärgerlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.