Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LJUBA FIEDLER 73 auf, ordnete ihr Haar und nahm eine Flasche, um Petroleum zu holen. Beide Mädchen sahen einander stumm lächelnd an. „Was meinst du? Borgt der Krämer noch? Ich will's versuchen!" „Der Hund borgt nichts mehr. Lauf nicht erst umsonst die Treppe hinab und herauf, setz* dich lieberI" Die Freundinnen blieben im finsteren Zimmer. Ein vertrauliches Gespräch entspann sich. Ljuba phantasierte von der Zukunft. Ihre wohlklingende Stimme tönte noch angenehmer als sonst. „Wenn ich absolviert habe, trete ich in die Dienste des Semstwo*). Dann werde ich auf dem Dorfe wohnen und mich als Hebamme und mit meiner medizinischen Kenntnis im ganzen Umkreis nützlich machen. Dabei will ich auch Propaganda treiben. Das wird ein wirkliches Leben sein, meine Liebe, nicht so wie hier, wo die Langeweile einen tötet." „Und heiraten wirst du nicht?" fragte die Kratowa leise. Ljuba schwieg nachdenklich, dann antwortete sie: „Warum nicht? Wenn sich einer findet, der nach meinem Herzen ist und im Dorf ein Leben der Arbeit führen will — warum nicht? Doch nein — ich werde nicht heiraten! Ich bin nicht schön und keiner wird mich lieb haben. Und ohne Liebe heiraten — dann lieber nie!" „Was fällt dir ein? Du bist doch schön, wirklich, du bist schön so wie.. „Du lügst, Schmeichlerin!" unterbrach Ljuba mit hellem Lachen, in das die Kratowa fröhlich einstimmte .. . Solche Gespräche im Dunkeln zogen sich noch lange hin, bis ein Bekannter kam und das nötige Kleingeld für Petroleum hergab. Es wurde hell im Zimmer, und den beiden Mädchen schien es, als hätten sie geträumt. Lächelnd blickten sie einander an. Es kam noch mehr Besuch. Man trank Tee, plauderte von ernsten und heiteren Dingen, lachte, sang, lärmte. Nur Ljuba, die allen nahestand, hielt sich im Lärm stets ein wenig abseits. Sie hörte den Gesprächen zu, ohne jedoch für dies oder jenes Partei zu nehmen. Es wurde ihr stets wunderlich, ja ärgerlich zumute, wenn sie hörte, wie man so viel, so schnell und so leicht reden und urteilen konnte über Dinge und Worte, die sie selbst tief im Innern berührten und für die sie gerade deswegen am schwersten Worte fand. „Ich bin keine Heldin!" dachte sie oft im stillen. „Ich weiß wenig, habe wenig Kraft und wenig Verstand. Doch was ich kann, will ich tun: absolvieren und im Dorf arbeiten." Bald sollte sie sich selbst davon überzeugen, sie sei keine Heldin .. . *) Ländliche Verwaltung.