Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1928)
- Article
- Ljuba Fiedler
- Date
- 1928-02-01
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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72 MENORAH rußland besuchte, war das anders gewesen; damals galt sie als auffallend schönes Mädchen, kleidete sich gern gut und hatte große Freude, wenn sie eine neue weiße Bluse bekam, die gut saß. Damals war sie an verliebte Blicke, an eine Schar von Anhängern gewöhnt und nahm es als selbstverständlich, überall die erste zu sein. Doch diese Zeiten waren vorüber. Jetzt war Ljuba Fiedler eine andere und gefiel auf andere Art. Ihr Leben in Warschau war um nichts besser als das ihrer Kolleginnen, vielleicht sogar ärger und freudloser. Die Eltern sandten ihr zwanzig Rubel monatlich; die reichten knapp aus, um die Wohnung, ein Dachzimmerchen im vierten Stock, das sie mit einer Kollegin teilte, zu bestreiten und um gerade so viel zu essen, daß sie keinen Hunger spürte. Doch die zwanzig Rubel kamen nicht regelmäßig, Ljuba Fiedler wußte, daß es ihren Eltern nicht leicht fiel, das Geld aufzubringen, und daran litt sie. Ihr Leben verging mit Studium, Spitalsdienst und Lektüre, die zum größten Teil aus sogenannten „illegalen" Broschüren revolutionären Inhaltes bestand. Kam Ljuba Fiedler vom Spital heim, so erwartete sie ein enges Zimmer mit schiefen Wänden, dessen kleines Fenster aufs Dach ging, der Tee, den sie auf dem Samowar bereitete, und ihre Freundin und Zimmergenossin Kratowa, die Tochter eines Popen aus dem Moskauer Gouvernement. Die Kratowa war ein gesundes, stämmiges, gutmütiges Geschöpf mit lachenden Augen und trägen Bewegungen; sie sprach nicht viel; zu Ljuba Fiedler fühlte sie sich sehr hingezogen; doch diese Zuneigung konnte sie mehr durch ihr Lachen und durch eine stumme Bewegung zum Ausdruck bringen als durch Worte. Oft saßen beide Mädchen schweigend im Zimmer, wenn der kurze Wintertag seinem Ende zudämmerte. Die Dunkelheit machte sich im engen Raum breit und in den Winkeln war es ganz finster. Geld für Petroleum war nicht da und so warteten beide still auf einen Bekannten, der zu Gast kommen und ein paar Kopeken für Petroleum herleihen würde. Ljuba Fiedler saß beim Fenster und strengte ihre Augen an. um zu lesen. Die Kratowa glättete ihr Haar und flocht es auf und wieder zu; das tat sie nur, wenn es dunkel wurde, bei Tag hielt sie eine Art von Scham davon zurück. Zuweilen lachte sie bei dieser Beschäftigung laut auf. Ljuba las noch immer; ihr Auge rang mit der Dunkelheit, die immer dichter wurde. „Genug gelesenI Du verdirbst dir die Augen!" sprach die Kratowa zum Fenster hinüber. In der Dunkelheit war ihre weiche Stimme und die Güte, die auf ihrem Gesicht lag, förmlich zu fassen. Ljuba stand