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Menorah · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · p. 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Article
Ljuba Fiedler
Date
1928-02-01
Page
71 (sequence 1)
Language
German
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MENORAH VI. JAHRGANG FEBRUAR 1928 NUMMER 2 LJUBA FIEDLER Erzählung von H. D. Nomberg*) I. In jedem Kreise von Menschen gibt es solche, die von allen gelobt werden, denen niemand Schlechtes nachsagt und die allen lieb sind. Wird ihr Name genannt, so erweckt er stets Freude. Zu dieser Art von Menschen gehörte in ihrem Kreise die Studentin Ljuba Isakowna Fiedler; das erste und letzte Wort über sie war stets: ,,Ein reizendes, liebes Wesen!" Sie war ein wenig schwermütig — das erkannte man an ihren immer schwach umflorten Augen und einem müde-anmutigen Lächeln; doch dabei war sie stets von heiterem Gleichmaß, jederzeit bereit, fremden Kummer anzuhören, und immer imstande zu trösten. Über sich selbst aber klagte sie nie. So konnte man meinen, sie sei die einzige Glückliche unter ihren Kolleginnen, jenen armen Geschöpfen, deren Leben eine Kette von Unzufriedenheit, Langeweile und Not bildet. Ljuba Fiedler war ein Mädchen von 22 Jahren, groß, mit schlanker, biegsamer Figur. Ihr Gesicht war weich, doch etwas zu lang, die nicht ganz regelmäßigen Züge hatten feinen Schnitt, das Auge war hell, ein wenig kurzsichtig. Schön war sie nicht zu nennen; sie gehörte zu jenen Frauen, die dem allgemeinen Geschmack nicht als schön gelten, solange nicht ein Künstlerauge oder ein Blick echter Liebe die Harmonie ihrer Schönheit entdeckt. Während der zwei Jahre, die sie in Warschau mit ihren Studien an der Akkuscheurschule verbrachte, verliebte sich niemand in sie und niemand sagte ihr, daß sie schön sei; so hatte sie selbst aufgehört daran zu glauben, sie könnte gefallen. Als sie noch das Gymnasium ihrer Geburtsstadt irgendwro in Klein- *) Vor wenigen Wochen ist der jüdische Publizist und Politiker H. D. Nomberg gestorben: der Zufall wollte es, daß er und der polnische Dichter Przybyszewski, mit dem er eng befreundet war, am gleichen Tage die Augen schlössen. Nomberg hat sich noch in Jungen Jahren durch fein ziselierte Erzählungen, in denen er, zum Teil von seinem polnischen Dichterfreunde beeinflußt, manche jüdischen Übergangs- und Dekadenzerscheinungen künstlerisch festhielt, in der modernen Literatur einen Namen gemacht. Wir hoffen uns den Dank unserer Leser zu erwerben, wenn wir sie mit einer der besten seiner Erzählungen bekannt machen. Die Redaktion.

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