Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Jüdische Kunstfeindlichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912881-2921369--06135-2921480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
54 MENORAH Dieser grundsätzlichen Erkenntnis gegenüber stellt allerdings eine Erfahrungstatsache von zunächst scheinbar erdrückendem Gewicht: wo, könnte man fragen, sind Zeugen, ja auch nur Spuren vergangener jüdischer Kunst im strengen Sinne? Von Nordafrika bis hin nach dem Wunderlande Indien recken die Bauten des Islams ihre Minaretts und ihre Söller himmelwärts — aber wo, Volk Israel, sind Denkmäler deiner Kunst? Die Frage scheint Verlegenheit für den Gefragten zu bedeuten. Und doch gibt es Antwort, mancherlei Erwiderung sogar auf diese Frage. Jüdische A r c Ii ä o I o i> i c Vor allem: von jüdischer Kunst in Zeilen politischer Selbstständigkeit wissen wir, weiß die Welt so gut wie nichts, kennt sie so wenig wie vor kurzem noch die Wunderwelten vorklassisch-griechischer oder frühorientalischer Kunst im Zweistromland. Diese Kenntnis hat ausschließlich die „Wissenschaft des Spatens", die streng und genau schürfende Ausgrabungsarbeit erst im Laufe der letzten fünfzig Jahre vermittelt. In Palästina aber stoßen Ausgrabungen auf unüberwindliche Schwierigkeiten, jenem Lande, wo fast jeder Fußbreit Bodens drei Weltreligionen heilig ist. . . So wird in absehbarer Zeit der Spaten dort nicht viel zutage fördern können; wo bislang Ausgrabungen bewerkstelligt wurden, haben sie bedeutsame Ergebnisse geliefert, die jedenfalls den einen Schluß zulassen, daß Juden sich als Werkleute und Baumeister ebenso betätigt haben wie jedes andere Volk ihrer Zeit und ihrer Umwelt. Freilich, die Zeilspanne, die dem Judentum als politisch geeintem Volk, als in sich örtlich geschlossene Kulturgemeinschaft gegönnt war, umfaßt kaum 700 Jahre! Und diese Kürze der Zeit ist bedeutsam für die Entwicklung und Beurteilung jüdischer Kunstübung. Denn auch „Rom ward nicht an einem Tage erbaut" und weltgeschichtlich betrachtet sind tausend Jahre wie ein Tag. K i n f I ü s s e u n d R n t w i c k I u n g In allem Ernst: der Vergleich mit anderen Kunst- und Kulturkreisen zeigt deutlich, daß 700 Jahre nicht genügen, um die Einflüsse der umgebenden Kultur- und Kunstkreise auf die eigene Kunstgestaltung so weit auszuschalten oder in den eigenen Gestaltungswillen aufzunehmen, daß sie als restlos verarbeitet gelten können, daß die Kunst eigenes, ganz selbständiges Gepräge zeigt. So beispielsweise hat das frühe Mittelalter im Abendland noch jahrhundertelang mit antikem Kunstgut gewirtschaftet; noch in karolingischer Zeit, also bis rund