Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VOM NIL ZUM JORDAN 45 len. Das habe ich bei ihm zum Glück nicht gefunden. Aber einen klaren, geraden Kopf, das hatte er und einen tiefen, stillen Humor, der ihm half, zu unterscheiden, ob eine Sache wichtig war oder nicht. Und wenn sie auch wichtig war, dann sprach er davon ohne Feierlichkeit, ohne Lärm und ohne Tamtam. Er vergaß nie, daß den wichtigsten Ereignissen des Lebens auch eine humoristische Seite innewohnt und daß auch das gut ist und nicht vergessen werden darf. Im allgemeinen war sein Gespräch nüchtern und gelassen, ohne Sentimentalität, ohne Pathos, ohne starke Ausdrücke. Das letztere hat ihn nicht einmal die russische Kaserne lehren können. Ich muß bekennen, daß ich selbst, wenn ich in die Lage komme, russisch zu reden und dabei in Hitze gerate, bis zur Neige jenen russischen Wortschatz ausnütze, den man auf Papier nicht drucken darf; etwa zweimal praktizierte ich diese Art von Eloquenz in Trumpeldors Gegenwart. Es hatte ihn nicht chokiert, er lächelte sogar und sagte: „zdorowo!" — etwa wie ein objektiver literarischer Kritiker, der sich ein Gedicht angehört hat. Aber aus seinem eigenen Munde habe ich nie ein Schimpfwort gehört, außer vielleicht „Schelma", das dieselbe milde Bedeutung hat wie „Schelm". Im Hebräischen war sein beliebter Ausdruck „ejn dawar" — ein Äquivalent für das englische „never mind"; und man erzählt, daß er fünf Jahre später mit diesem Wort in Tel-Ghai gestorben ist. Eine ganze Philosophie lag in diesem: ,,ejn dawar" — übertreibe nicht, wittere nicht Gefahr, wo keine vorhanden ist, halte einen Menschen, der seine Pflicht tut, nicht für einen Helden, die Geschichte ist groß, das jüdische Volk ist ewig, die Wahrheit ist heilig, aber alles andere, Leid und Sorge, Schmerz und Tod — ,,ejn dawar". Seine einzige Hand diente ihm besser als vielen von uns beide Hände. Mit ihr wusch, rasierte und kleidete er sich; mit ihr schnitt er sein Brot und putzte seine Stiefel; mit ihr hat er in Palästina und später in Gallipoli seine Pferde gelenkt und aus seinem Gewehr geschossen. In seinem Zimmer herrschte eine peinliche Ordnung, seine Kleider waren reingebürstet, seine Haltung war ruhig und höflich. Und seit langen Jahren war er Vegetarier, Sozialist und Kriegsgegner — aber nicht einer von jenen Pazifisten, die die Hände in die Taschen stecken und andere für unser Glück kämpfen und sterben lassen. Wir haben an jenem Tage nicht lange gesprochen: mit ihm mußte man niemals lange Unterredungen halten. Da er nicht zu den „Klugen" gehörte, besaß er gerade deswegen die Fähigkeit, eine Sache bis auf den Grund zu begreifen und nach einer Viertelstunde sagte er dir „Ja" oder „Nein". Er sagte „Ja".