Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 MENORAH hatte, schickte er seinen Sekretär zu ihm, daß er ihm seine Grüße übermittle und ihm ausrichte, daß die Pension, die Trumpeldor zustand, allmonatlich auf dem dortigen Konsulat ausgezahlt werden könne. Darum benötigte Trumpeldor keine Unterstützungen — im Gegenteil, er half noch anderen. Ich hatte über ihn noch in Rußland gehört. Kurz besteht seine Geschichte aus folgenden Tatsachen: Geboren 1880 im Kaukasus; sein Vater war eine jener starken Naturen, die die Hölle der Kasernen Nikolaus I. — fünfundzwanzig Jahre — überstanden haben, ohne an ihrer Gesundheit noch an ihrem Judentume Schaden genommen zu haben. In die Universität wurde Josef wegen der Prozentnorm nicht aufgenommen und so wurde er Dentist. Dann kamen der Militärdienst und der russisch-japanische Krieg. Trumpeldors Regiment wurde nach Port-Arthur dirigiert und dort machte er die schrecklichen elf Monate der Belagerung durch. Ebendort verlor er auch seinen linken Arm, fast bis zur Schulter. Aber sobald er aus dem Spital entlassen wurde, verlangte er sofort, daß er wieder an die Front geschickt werde. Nach der Kapitulation von Port-Arthur ging er mit der ganzen Armee des Generals Stößl in die japanische Gefangenschaft, gründete dort zionistische Vereine und sammelte für den Nationalfonds. Nach dem Kriege wurde ihm der Ofüziersrang verliehen. Soweit mir bekannt ist, war er der einzige Jude im russischen Offiziersregister. Er bezog die Petersburger Universität, beendigte sie als Jurist und ging dann sofort nach Palästina. Dort arbeitete er in Daganiah und in anderen Arbeitergruppen; alle seine Arbeitskollegen geben zu, daß er mit der einen Hand dennoch der stärkste und beste aller Landarbeiter war. Ich fand ihn zu Hause. Er sah ganz wie ein „Nordländer" aus — wie ein Engländer oder ein Schwede. Ziemlich hoch, schlank, mit kurzgeschorenem rötlich-blonden Haar, glatt rasiert, mit dünnen Lippen und einem ruhigen Lächeln. Er sprach ein gutes Rusissch, obwohl er sich in Palästina das „singende" Sprechen angelernt hatte. Sein Hebräisch war langsam und wortarm, aber genau; sein Jiddisch — schrecklich. Er war sehr gebildet, sehr beschlagen in der russischen Literatur und hatte wahrscheinlich über jede gelesene Zeile viel nachgedacht. Bis heute weiß ich nicht, ob er das war, was man bei uns Juden einen „Klugen" nennt. Ich glaube, daß er es nicht war. In diesem Worte steckt bei uns ein Gemisch von Begriffen — Schärfe, Schlauheit, die Fähigkeit ganz einfache Sachen zu verdrehen, sich in eine Sache zu vertiefen, die gar nicht tief ist, über den Ernst des anderen zu spotten, kurz, das linke Ohr mit der rechten Hand erreichen zu wol-