Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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VOM NIL ZUM JORDAN 39 skeptisch. Der Gedanke ist zwar richtig, meinte er, aber wo findet man jüdische Soldaten? Englische und russische Juden dienen in ihren Armeen; in den neutralen Ländern gibt es fast keine Juden; und dazu kam noch die alte, dumme, jüdische Schwärmerei für den Türken, für „Onkel Ismael", von der auch Nordau selbst nicht frei war. „Entsinnen Sie sich meiner Rede auf dem Hamburger Kongreß im Jahre 1909, wo ich mir erlaubt habe, gegen die assimilatorische Tendenz der Jungtürken zu protestieren? Ich kann noch bis heute nicht an die Unannehmlichkeiten vergessen, die ich von unseren sentimentalen Schwärmern auszustehen hatte. Mit welchem Rechte greift man unseren Onkel Ismael an?" — „Herr Doktor," entgegnete ich, „es ist doch bloß eine Legende. Ismael ist nicht unser Onkel. Wir gehören, Gott sei Dank, zu Europa; zweitausend Jahre halfen wir die westliche Kultur zu schaffen. Mit dem »Orient' haben wir nichts zu tun. Aus Ihrem eigenen Munde hörte ich in Kongreßreden die folgenden Worte: ,Wir gehen nach Palästina, um die moralischen Grenzen Europas bis nach dem Euphrat zu verschieben.' Der Türke bedeutet unsere größte Gefahr." Darauf antwortete der alte Meister mit einem tiefen Worte, dessen tiefer Sinn mir aber erst später aufging. Er schüttelte seinen klugen Kopf und sagte: „Das, mein junger Freund, ist Logik, Logik jedoch ist eine griechische Kunst; die Juden mögen sie nicht. Der Jude lernt nicht aus der Vernunft — er lernt aus den Katastrophen. Er kauft sich nicht einen Regenschirm, wenn der Himmel bewölkt ist; er wartet bis er naß wird und sich einen Schnupfen holt — dann erst erinnert er sich, daß er einen Schirm kaufen muß." In Marokko, in Algier und in Tunis hielt ich „Nachforschungen", ob der türkische Aufruf irgend welchen Eindruck hervorgerufen habe und die Gefahr für einen mohammedanischen Aufstand bestehe. Einen Rat. für junge Journalisten: in einem solchen Falle ist es untunlich einen Mohammedaner zu interviewen. Er ist im allgemeinen ein Diplomat und im besonderen, wenn er Angst hat. Man wähle lieber kluge, jüdische Kaufleute, sephardische Juden, die dort schon drei- oder vierhundert Jahre ansässig sind. Wenn es sich nicht um seine eigenen jüdischen Interessen handelt, besitzt der Jude einen weiten und scharfen Blick. Er lebt mit den Arabern zusammen, ihm eröffnen sie sich ganz; und sogar, wenn sie ihm Lügen erzählen, so hört er aus der Beschaffenheit der Lüge das heraus, was sie im Geheimen denken. Und alle diese Juden von Algier bis Tunis versicherten mir — und die Geschichte hat es bewiesen, daß alles auf Wahrheit beruhte — Aufruf zu einem heiligen Krieg? Wohl wissen sie davon, aber sie kümmern sich