Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Tobias Levy, 1851-1917
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 14)
- Language
- German
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20 MENORAH Er liebte sie und seine beiden Söhne, seine hübschen brünetten Jungen, die in der Wiege die Taufe erhalten hatten. Sie wuchsen heran, sie hatten christliche Schulfreunde. Aber auch Tobias Levy hatte die gehabt, dachte ihr Vater. Wie würde sich ihre Zukunft gestalten? Sollten auch sie in einer Geisterwelt zu leben verdammt sein wie er — in einer verlogenen Welt, die mit heißem Bemühen trachtete, etwas vorzustellen, was sie nicht war? Und in der doch nie das Gerücht verstummte von einer Welt der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die geheime Schande bedeutete und gleichzeitig Erleichterung von einer kaum mehr erträglichen Spannung? Vielleicht würde es ihnen besser ergehen. Sie hatten keine störenden Erinnerungen zu überwinden. Ihnen leuchteten keine Sabbatkerzen über den Abgrund der Jahre entgegen, ihnen klang kein jüdisches Wort im Ohr, das ihre Mutter zu sagen pflegte. Burghammer wurde ein großer Mann. Er wurde vom Kaiser zu Tische geladen, er war ein Freund und Mitarbeiter Rathenaus. Nur eine Hofintrige, im letzten Augenblick gesponnen, hinderte es, daß er Minister wurde. Der Staatsdienst nahm seine ganze Zeit in Anspruch. Er hatte wenig von seinen Kindern. Aber immer wieder kam es vor, daß er in der Stille seines Arbeitszimmers die Hände sinken ließ und sich dann plötzlich an den Kopf griff. Dann ließ er von einem Detektive erkunden, wie es seinen Brüdern und Schwestern ging, und sie bekamen große Summen von vorgeblich unbekannter Hand. In Wahrheit wußten sie, wem sie zu danken hatten, und sie verständigten ihn auch, als im Jahre 1910 Ephraim, der Sohn des Wilnaer Melamed, zu seinen Vätern versammelt wurde... Der Justizrat sagte seiner Frau nichts davon. Sein jüngerer Sohn, der weltbekannte Sportsmann Kurt Burghammer, war gerade im Begriff, Sybil Ratislaw zu heiraten, die Tochter Lord Ratislaws von und zu Coomb, die er beim Tennisturnier in Wimbledon kennengelernt hatte. Das war nicht der richtige Moment, um fremdartige Erinnerungen aufzufrischen. Burghammer sah seine zwei schlanken jungen Westeuropäer an und fragte sich, ob sie überhaupt wüßten, daß sie die Enkel Reb Chaims seien, des Wilnaer Schnapsbrenners. Ein ironischer Zug huschte über seine Lippen. Warum das alles, fragte er sich, warum? Er war ein alter Mann geworden und die Jahre vergingen wie eine Vision, wie ein Traum. Wieder einmal, wie in seiner Burschenzeit, sollte das Vaterland verteidigt werden. Ach ja, die alten Gefühle waren auch in ihm noch nicht erstorben. Er dachte des Jahres 1870; er besann sich auf sein Eisernes Kreuz. Die Politik der Regierung fand