Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Tobias Levy, 1851-1917
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 12)
- Language
- German
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18 MENORAH suchte er seinem Vater zu erklären, was in diesem historischen Augenblick die Pflicht des deutschen Juden sei. Ephraim stand am Fenster, schmal und schwarz, und schien in eine Welt zu blicken, die Tobias verschlossen war. Endlich wandte er sich zu seinem Sohne: „Stußl Unsinn. Das ist alles schon dagewesen. Wann hat uns der Krieg je etwas anderes gebracht als Leid und Kummer? Ich geh in Schul. Kommst du mit?" Tobias antwortete nicht. Er stand still, während sein Vater langsam das Zimmer verließ. Das war der Abschied — denn in den wenigen Tagen, die Tobias noch blieb, sprachen Vater und Sohn kaum zehn Worte miteinander. Als das Regiment abreiste, war nur die Mutter an der Bahn. Weinend sagte sie ihm Lebewohl. Tobias klammerte sich krampfhaft, in Verzweiflung, an die Erinnerung jener herrlichen letzten Tage in Königsberg, während er in Greueln der Todesangst versank, in wilde Mordwut, in Blut, Schmutz, Ungeziefer, Gestank, Typhus. Als er bei Gravelotte, auf einer Wiese, irgendwie von seiner Kompagnie getrennt wurde, begegnete er zwei versprengten französischen Jungen, ganz so verwirrt, entsetzt und angeekelt wie er selbst. Plötzlich fielen ihm Burghammers Worte ein. Er legte die Flinte an und erhob sich halb aus seiner gedeckten Stellung. Die jungen Franzosen zuckten die Achseln und hoben die Hände hoch. Es zeigte sich bald, daß sie alle drei krank waren und ins Lazarett gebracht werden mußten. Aber er hatte ganz allein zwei Gefangene gemacht. Er wurde wegen besonderer Tapferkeit für das Eiserne Kreuz eingegeben, und ein Oberst kam an sein Bett, während er in Mainz im Krankenhause lag, und heftete es ihm an die Brust. Er machte den feierlichen Einmarsch der siegreichen Armee in Berlin mit und blieb dort. Er schrieb an seinen Vater und erbat sich dasselbe Monatsgeld wie früher in Königsberg. Auch weiterhin schickte er einmal im Monat ein paar Zeilen nach Hause und nicht mehr. Nie reiste er heim. So wurde er für die eigene Mutter zur Legende. Nach zwei Jahren kündigte er an, daß er keiner Unterstützung mehr bedürfe, nach fünf fing er an, beträchtliche Summen nach Hause zu schicken, die für die Erziehung und Ausstattung seiner Brüder und Schwestern bestimmt waren. Im Jahre 1880 teilte er seiner Familie mit, daß er sich mit Else Burghammer verlobt habe, der Tochter seines Freundes und Wohltäters, Kommerzienrat Heinrich Burghammer, und daß er aus familiären und materiellen Gründen den Namen seiner Frau an-