Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Tobias Levy, 1851-1917
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 9)
- Language
- German
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TOBIAS LEVY (1851—1917) 15 Golus. Ober dü host a jüdischen Moach, ün der lieber Gott is och noch du. Wus mehr willst dü?<c Tobias antwortete nicht. Als der Vater in den Dialekt seiner Kindheit verfiel, zuckte er zusammen. Er machte einen langen Spaziergang und suchte herauszubekommen, was die richtige Antwort wäre. Was sein Vater gesagt hatte, klang ganz vernünftig. Und doch lehnte sich Tobias' ganze Seele dagegen auf. Wo steckte der Fehler? Wo? Er ging über die Felder und erreichte den Wald, der schon herbstliche Färbung trug. Er sah einen Pfad entlang in die grüngoldene Herrlichkeit hinein. „Du lieber deutscher Wald!*' murmelte er vor sich hin. Er war ein Jude. Gewiß. Aber er war nicht im Golus. Er fühlte sich nicht in die Fremde verbannt. Das war seine Erde, sein Himmel, seine Sprache. Das war's! Das war die richtige Antwort, die sein Vater nie verstehen würde. Sein Vater hatte sich hineingefunden in die Tatsache des Exils, sein Gemüt und sein Verstand lehnten sich nicht auf dagegen, er war zufrieden, wenn man ihn halbwegs in Frieden ließ. Aber er, Tobias, wollte mehr. Und es mußte viele seinesgleichen geben. Im Jahre 1869 ließ er sich in Königsberg immatrikulieren. Zuerst war er ganz allein. Er sah sich in den Hörsälen um — fast lauter blonde ostpreußische Köpfe, nur hie und da ein dunkler darunter. Und wie ungepflegt die meisten dieser schwarzen Schöpfe aussahen! Man konnte ordentlich merken, wo die Haarlocken vor kurzem abgeschnitten worden waren. Diese ostjüdischen Burschen kamen aus der bittersten Armut, und Armut und Reinlichkeit vertragen sich schlecht. Sie sprachen im Singsang, mit deutlichem jüdischen Akzent, und selbst die ernstesten Professoren lächelten ein wenig in ihre goldenen oder grauen Barte, wenn sie mit ihnen redeten. Tobias fühlte Scham und Ärger in sich aufsteigen, wenn er diese jungen Leute sah, wenn er ihre Stimmen hörte. Er schämte sich ihrer, er schämte sich für sie. Sein Vater sprach oft nicht anders — schämte er sich seines Vaters? Warum sollte er sich selbst belügen, er hatte nichts davon — ja, hier würde er sich seines Vaters schämen! Er fürchtete beständig, mit diesen jungen Russen in einen Topf geworfen zu werden. Was sollte dann aus seiner Karriere werden? Und wenn er als Preuße, als Deutscher, keine Karriere machte, was sollte aus ihm werden? Er konnte unter gar keinen Umständen Kümmel fabrizieren oder Rabbiner sein. Dann lernte er Burghammer kennen. Auf der Promenade, die Kant berühmt gemacht hat, kam der elegante Jüngling ganz plötzlich auf ihn zu, verneigte sich, schlug die Hacken zusammen — sie hatten einander