Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Tobias Levy, 1851-1917
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 6)
- Language
- German
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12 MENORAH es ihm in der Rückerinnerung, konnte er lesen und verschlang alles Gedruckte, dessen er habhaft werden konnte. Inzwischen war seine Mutter nicht müßig gewesen. Ihr Ehrgeiz, was die Kinder betraf, wuchs von Jahr zu Jahr. Von Freunden und Bekannten hörte sie Wundermären aus dem Westen: In Berlin gab es eine jüdische Aristokratie, Kommerzienräte, Geheimräte, große Kaufherren, Bankiers, sogar Barone. Große Juden, die alle denselben Ursprung hatten. Wie eine sehr germanisierte alte Dame, ganz Seide und Spitzen und Herablassung, es Hannah Levy gegenüber ausgedrückt hatte: „Die Urgroßväter all dieser Leute waren sozusagen Hausierer. Warum schicken Sie Ihren hübschen, geweckten Jungen nicht ins Gymnasium?*4 Man kann nicht behaupten, daß Ephraim sich ernstlich widersetzte. Seine Verhältnisse waren bescheiden, aber er hatte eine gute Haltung und sprach gewählt. Eines Abends, als er beim „Schwarzen Adler" sein Glas Bier trank, suchten der Apotheker und der Amtsrichter vergebens einen Dritten zum Skat. Sie waren beide Achtundvierziger-„Revolutionäre"; sie waren liberal und demokratisch gesinnt. Sie luden Herrn Levy ein, mit ihnen zu spielen; ein braver Mann — dieser Levy — warum auch nicht? So kam Ephraim in die christliche Gesellschaft. Als die Herren belegte Brötchen verlangten, bestellte auch er, wiewohl er noch lange an allem „treifenen" Essen fast erstickte. Aber wie konnte er es vermeiden, seinen Jungen in die deutsche Schule zu schicken? Ein- oder zweimal fielen ihm die Warnungen seiner Mutter ein und eine eiskalte Hand schien sich ihm aufs Herz zu legen. Aber er schüttelte Erinnerungen und Ahnungen ab — die Strömung des Lebens riß auch ihn mit fort. X obias Levy trat im Oktober 1858 in die Vorbereilungsklasse des Gymnasiums in Insterburg ein. In der ganzen Schule gab es bloß acht jüdische Jungen. Ihre Frühreife und ihr instinktives Interesse an geistigen Dingen waren Balsam für die Lehrer, die alle den revolutionären Generationen zwischen 1830 und 1848 angehörten. Damals waren die „zersetzende Intellektualität der Semiten" und der „naive Schöpfergeist der nordischen Völker" noch nicht entdeckt worden. Tobias' Schulleben war ein ununterbrochener Siegeslauf. Und da er nett gekleidet, bescheiden und artig war, da er ferner stets hilfreich zur Hand ging, wenn die blauäugigen blonden Kameraden mit ihren Schulaufgaben nicht zu Rande kamen, so hatte er bald Freunde und wenn nötig auch Beschützer unter ihnen, ja, er wurde über den Sonntag öfter zu den kleinen