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Menorah · 1928-01-01 · Heft 1 (Januar 1928) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 1 (Januar 1928)
Article
Tobias Levy, 1851-1917
Date
1928-01-01
Page
Seite 11 (sequence 5)
Language
German
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TOBIAS LEVY (1851—1917) 11 mit dreißig kleinen Jungen. Manche von diesen kamen aus furchtbarem Elend und waren zerlumpt und verwahrlost, mit verschmierten Gesichtern und schmutzigen Händen. Reb Kolnitzer war ein dürrer alter Mann mit einem drahthaarigen, schütteren Bart und bösen kleinen blauen Augen. Er sprach ein Gemisch von Jüdisch und Deutsch. Sein Riemen fiel auf Gerechte und Ungerechte. Wenn einer der kleinen Schüler bloß zögerte oder den kleinsten Fehler machte, wurde er rot vor Wut, die Schweinsäuglein blitzten grausam: „Hargenen wer ich der!" Tobias vergaß zeitlebens nicht die Tränen und Schmerzen, unter denen er das dritte Buch Mosis lernte und sich die levitischen Opfergesetze einprägte. Und auch Ephraim war nicht ganz wohl bei der Sache. Er erinnerte sich, daß sein Vater ebenfalls die Schüler geprügelt hatte, aber er hatte doch mit einem gewissen Weihegefühl unterrichtet. Wohl hatten ihn Zweifel gequält und andere Bestrebungen abgelenkt; doch immer war er überzeugt davon, es sei eine heilige Sache, jüdischen Kindern Gott und das Gesetz näher zu bringen. Kolnitzer war nichts weiter als ein launischer alter Mann. Ferner bemerkte Ephraim mit einem Kummer, der freilich bald von den Sorgen des täglichen Lebens übertönt wurde, daß die schönen alten Zeremonien, mit denen daheim die Kinder in die heilige Wissenschaft eingeführt wurden, hier nicht mehr üblich waren. Alles ging nüchtern und geschäftsmäßig zu, es wurde kein Gewicht auf das „Lernen" gelegt. In der Seele des kleinen Tobias, der seiner Großmutter Braine immer ähnlicher wurde, gab es keinerlei Kampf. Die Felder und Wälder Preußens, seine Sagen und Lieder, seine Sprache — sie waren ihm Licht und Heimat. Der Gheder mit seinem übellaunigen alten Rebbe waren eine Last und eine geheime Schmach. Die christlichen Kinder, die sich manchmal vor dem Cheder versammelten, um die Judenjungen zu verhöhnen und mit Steinen zu werfen, waren in seinen Augen nicht Feinde, sondern Gegenstände der Bewunderung, der Sehnsucht. Er identifizierte sie irgendwie mit den jugendlichen Helden der Märchen, die ihm die große Trine so oft erzählt hatte, die sie jetzt dem kleinen Samuel erzählte. Die blonden kleinen Mädchen waren wie die Elfenprinzeßchen oder wie Dornröschen. Als er sieben Jahre alt war, liefen ihm süße Schauer den Rücken hinab, wenn er sie bloß sah. Jüdische Kinder waren in seinen Phantasien und Empfindungen immer eng mit dem schmutzigen Cheder verknüpft, mit Kolnitzers Riemen und mit seinem scheußlichen Jargon. Um diese Zeit, er wußte nicht wie, lernte er bei der kleinen Trine das deutsche Alphabet. Ganz plötzlich, so schien

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