Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1928)
- Article
- Tobias Levy, 1851-1917
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 4)
- Language
- German
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10 MENORAH Als Tobias vier Jahre alt war, hatten seine Eltern in ihrem Schlafzimmer eine Unterredung. Samuel, der Zweijährige, war gerade zu Bett gebracht worden. Ephraim sah seine Frau an: „Hannah, ich habe mit Reb Kolnitzer gesprochen." Sie zuckte unmerklich die Schultern und die feine Falte zwischen den Brauen vertiefte sich: „Dazu ist noch lange Zeit." „Nein", erwiderte er. „Tobias ist im fünften Jahr, er muß anfangen zu lernen." Hannah trug wieder ihr eigenes Haar — sie hatte es längst wachsen lassen. Der weinrote Schlafrock, mit Gold verbrämt, stand ihr gut zu Gesicht. Da das Kind schlief, wollte sie gern ein bißchen lesen. Eine deutsche Jüdin hatte ihr ein Buch geliehen — sie hielt es in der festen weißen Hand — ein prunkvoll vergoldeter Band: „Romanzero" von Heinrich Heine. Hannah reckte sich stolz: „Tobias soll ins Gymnasium gehen. Hier in Preußen kann jeder Jude ins Gymnasium kommen — man braucht den Direktor nicht zu bestechen, gar nichts." Ephraim zerrte an seinem Bärtchen: „Schön. Kann sein. Wir werden ja sehen. Später einmal. Aber zuerst muß ein jüdisch Kind.. Sie unterbrach ihn: „Ich lasse mein Kind nicht von Kolnitzer schlagen." Das war eigentlich nicht, was sie sagen wollte; aber nicht ihr Mann, ihr eigenes Gewissen hinderte sie daran, ihre wahren Einwendungen laut werden zu lassen. Ephraim schüttelte den Kopf: „Wie heißt? Sagst du nicht selbst immer, Tobias ist ein kleiner Chochem? Wenn er fleißig ist, wird Kolnitzer ihn nicht schlagen. Morgen lehre ich ihn Alef-Beis." X obias fand die riesigen hebräischen Buchstaben, die ihm sein Vater wies, sehr lustig. Er war ein gewecktes Kind, der Nachkomme unzähliger Generationen von Gelehrten. Innerhalb einer Woche hatte er die schwierige und verwirrende Schrift erlernt. Überdies tat er der Mutter leid, sie steckte ihm Süßigkeiten zu und gab ihm am Sabbat doppelte Portionen vom Dessert — das war auch ein Vorteil. Der Gheder war schon viel weniger lustig. Ein schmuckloser Raum