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Menorah · 1928-01-01 · Heft 1 (Januar 1928) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 1 (Januar 1928)
Article
Tobias Levy, 1851-1917
Date
1928-01-01
Page
Seite 9 (sequence 3)
Language
German
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TOBIAS LEVY (1851—1917) 9 ihre Orthodoxie nicht eher auf Pietät beruhte als auf persönlicher Überzeugung. Seit sie in Insterburg waren, hatten sie deutsche .Dienstboten. Der ständig größer werdende und dabei so primitiv eingerichtete Haushalt brauchte dringend die zwei rosigen Bauernmädchen, die beide denselben Namen führten, aber glücklicherweise an Gestalt so verschieden waren, daß man sie als die große und die kleine Trine bezeichnen konnte. Damals machte man noch Seife und Kerzen zu Hause; ja man spann noch den Flachs in der großen Spinnstube neben der Küche an den langen Abenden des nordischen Winters. Sobald die Kinder nur gehen konnten, steckten sie beständig in der Spinnstube, wo die große und die kleine Trine während des Spinnens Volkslieder sangen und Geschichten erzählten. Die Geschichten waren deutsche Sagen und Märchen, voll träumerischen Zaubers und gewaltigen Tatendranges; und in den Liedern tönte es unsagbar süß von Wanderlust und Trennungsschmerz, von Sehnsucht und von Liebe. Der kleine Tobias, ein dunkler Lockenkopf mit den klaren, leidenschaftlichen braunen Augen seiner Großmutter Braine, pflegte auf einem Schemel zu sitzen und den Spinnerinnen zu lauschen. So kam es, daß die Wachträume der wachsweichen Kinderseele erfüllt waren vom Echo dieser Melodien, dieser eindrucksvollen germanischen Sagenwelt. Der Winter verfloß, das späte Frühjahr ging zögernd in den nordischen Sommer über. Am Sonntagmorgen wanderten die große und die kleine Trine über Land, durch die Heide in den Kiefernwald. Sie waren gutmütige Mädchen, und da die jüdische Herrschaft sie freundlich behandelte, liebten sie beide die Kinder vom Herzen und pflegten sie zu diesen Spaziergängen mitzunehmen, sobald sie groß genug dazu waren. Auf diese Art verwuchs auch die deutsche Landschaft mit den Kinderherzen — die unvergeßliche Landschaft der Kinderzeit. Diese Felder und Wälder aber beherbergten nicht die grausame Angst, die die russische Landschaft für das jüdische Kind bedeutet hatte; man hatte niemals das Gefühl, nur geduldet zu sein und sich möglichst rasch in die Judenstadt zurücktrollen zu müssen. Die Mägde gingen singend mit den Kindern über die Heide; sie pflückten Blumen, sie wanden Kränze und lehrten die Kleinen die Namen der Blumen und Bäume. Und wenn sie sich am Waldrande niederließen, brauchte Tobias bloß die braunen Augen bittend auf die große Trine zu richten, und sie begann auch schon: „Es war einmal..

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