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Menorah · 1927-12-01 · Heft 12 (Dezember 1927) · p. Seite 787

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 12 (Dezember 1927)
Article
Das Judenviertel um 1860 [Mainz]
Date
1927-12-01
Page
Seite 787 (sequence 3)
Language
German
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DAS JUDENVIERTEL UM 1860 787 scluift, Herr Marx, ein rituelles Restaurant, zuletzt Ecke Große Bleiche und Lotharstraße. Als altes Überbleibsel einer traurigen Zeil gab es damals noch eine Judenwache an der Stelle, wo die Hinlere Synagogengasse und die Clarastraße zusammenstoßen, die das ehemalige Ghetto abgeschlossen halte. Die Wache war noch von den Österreichern besetzt, aber zu bewachen gab es nichts mehr, denn in Main/: herrschte Ruhe, die Stadtverwallung unter dem Bürgermeister Schott kam mit wenig Polizeibeamlen aus. Die Bewohner des Judenvieiiels gingen regelmäßig ihrem Erwerb nach, der oft nur zu bescheiden war und ihre schönste Erholung fanden sie im Kreise ihrer Familien. Die Familienväter trafen einander häufig, besonders im Sommer nach Feierabend, y.u einem Plauderstündchen auf der Straße, um die Tagesneuigkeiten zu besprechen. Unter ihnen gab es sehr viele Spaßmacher, die mit einem goldenen Humor gesegnet waren. In erster Reihe ist S a 1 o m o n. Sil z, genannt der Sehl o m e Silz, zu nennen, ein vielgereister und sprachenkundiger Hühneraugenoperateur. Um ihn versammelte sich immer eine kleine Gemeinde, wenn er auf der Straße seine Reiseerlebnisse aus aller Herren Länder zum besten gab. Eine bekannte Figur war der Hausierer Leser Gase h e m, ..der billige Jakob" genannt, der sein Warenlager stets bei sich in den Taschen trug. Eine bekannte Persönlichkeit war auch der alle C a n n s l a d t, genannt „das H o n c h e C a n n s l a d l". Er mit seinem Bruder Schmulehe, dem Vorfahren des Dichters Karl Zuckmayer, versorgten ihre Mitbewohner mit Spezereiwaren und allem, was dazu gehörte; er war klein von Gestalt und hager, der Witz lag ihm lose auf der Zunge, und einige seiner Anekdoten haben sich bis heule erhalten. Wenn wir Kinder bei ihm etwas kauften, gab es immer als Geschenk ein Bonbon oder eine Zwetschke; „was willste", fragte er oll, ..ein Bonbon oder eine Zwetschke?" ,,Geben Sie mir ein Bonbon und eine Zwetschke", sagte ich. „Bisl'e meschugge? Wart, ich geh' der nach noch mei Fraa!" Becher des Mainzer Krankenvereines des älteren Die Spezialwurstfabrikanten waren Worschtfuchs und Worscht-Kassel, für die Süßigkeiten sorgte Konditor M a a s, während ein Kenner des edlen Weines der alte F i a 1- 1 a war. Abraham Wei ß, der jahrelang wie ein Posten auf dem Eckslein der Synagogengasse saß, konsumierte ein ungeheures Quantum Kautabak und war immer zu lustigen Scherzen aufgelegt. Me n d e le W e i ß konnte weder lesen noch schreiben, trug aber die besten Karnevalsvorträge, exakt gereimt, frei aus dem Gedächtnis vor. Eine stadtbekannte Persönlichkeit war auch ein Herr Haas; dieser, ein großer, kräftiger Mann, trug mit Vorliebe bunte Halstücher und im Winter eine Pelzmütze; er war der Bankier der österreichischen Offiziere, denen er oft. gegen mäßige Zinsen ein gütiger Helfer war; wogen seines Aussehens war er in der ganzen Stadt unter dem Namen „der K r o a I" bekannt. Melzgergeschül'le gab es viele, doch waren sie recht primitiv. Das Fleisch hing im

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