Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Das Judenviertel um 1860 [Mainz]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 786 (sequence 2)
- Language
- German
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786 ME NORAH Frau Emil Rathenau geb. Nachmann Mutter Walter Rathenaus sorgt. Zugleich mit der Gasbeleuchtung kam auch die Petroleumlampe nach Mainz, doch war eine derartige Anschaffung schon als Luxus anzusprechen, den sich nicht jede Haushaltung leisten konnte; in den Wohnungen brannten zumeist Öl und Kerzen. Die jüdischen Bewohner waren in der Mehrzahl kleine Handelsleute, auch waren die Handwerker wie: Metzger, Bäcker, Schlosser, Glaser, Schneider, Schreiner, Schirmmacher, Tapezierer, Goldschmiede und andere mehr noch stark vertreten. Das Schneiderhandwerk dürfte wohl nicht so ergiebig gewesen sein, da sich ein Rock häufig innerhalb dreier Generationen vererbte. Die meisten Bewohner waren geborene Mainzer, deren Familien stolz auf ihre alte Tradition waren, die Gemeinde bekam aber auch in dieser Zeil viel Zuwachs von der näheren Umgebung der Stadt. Ostjuden mit festem Wohnsilz gab es damals sehr wenig in Mainz; nur ab und zu kamen aus dem Osten Durchrcisendoj, welche [im Gasthause „zur Stadt D a. r m s t a d t", Ecke Löwenhof- und Synagogengasse, später in der „Stadt U 1 in", Bauerngasse, Quartier bezogen. Geld ließen sie wenig in Mainz; sie wurden von der Gemeinde verpflegt und von den gutsituierten Glaubensgenossen reichlich unterstützt. Von zwei Synagogen, welche sehr nahe beisammen lagen, war die kleinere, der Religionsgesellschaft gehörend, am Schabbes stets besser besucht, wie die 185.'i errichtete neue Synagoge der Gemeinde. (Die Einweihung fand am Schuschan Purim statt; Präsident des Festkomitees war Isaac Nachmann, Vater der Frau Emil Rathenau.) Das Rabbinerhaus befand sich in der Löwenhofstraße und war damals von Rabbiner Dr. Aub bewohnt, während das andere Rabbinerhaus, der Religionsgesellschaft gehörend, in der Emmeranstraße lag und dem Rabbiner Dr. Lehmann zur Wohnung diente. Letzterer war Herausgeber der Zeitschrift ,1) e r I s r a e- I i t" und weil über unsere Vaterstadt hinaus bekannt als Schöpfer jüdischer Novellen und Romane. Gegenüber der Hauptsynagoge war das Haus der Mainzer K i pp e; darin befanden sich Kranken-, Bet- und Schulsaal und die Wohnung des Schammes der Gemeinde. Letzterer, Herr Jechil L o r s c h, der einer alteingesessenen Familie entstammte, war ein liebenswürdiger Mann, von untersetzter Gestalt, stets hilfbereit mit Rat und Tat und in der Gemeinde sehr beliebt. An die Synagoge der Religionsgesellschaft angegliedert war die noch heute bestehende Schule mit Reallehrplan. Religionslehrer der Gemeinde war neben den Kantoren Herr Mayer, der Sohn des „Judenbrieflrägers" Mayer-Coma, der zugleich den Synagogenchor der Hauptsynagoge ehrenamtlich leitete. In obengenannter Schule wirkte als Leiter Oberlehrer Fuld, ferner Lehrer Kahn und andere mehr. Weiler erwähnenswerte Gebäude sind: der ehemalige N a s s a u er II o f, Besitzer Pfann, ebenso das Gasthaus „zum Reche n", Besitzer Mayer; beide Häuser waren berühmt durch ihre vorzügliche rituelle Küche und wurden deshalb viel von reisenden jüdischen Geschäftsleuten besucht. Auch die Hochzeilen innerhalb der Gemeinde und der Umgebung von Mainz wurden dort abgehallen. Später führte der Schammes der Religionsgesell-