Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Sonderheft Magenza
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 714 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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714 MENORAH bei Gemeinden und Führern hätte herrschen sollen. Gründliche, rabbinische Kenntnis war selten geworden, sogenannte Rabbiner drängten sich in Deutschland, das aufgehört hatte, Mittelpunkt rabbinischer Gelehrsamkeit zu sein, auf die alten und neuen Rabbinersitze. Mit wuchtigen, erbarmungslosen Worten eiferten Maharil und sein größter Schüler R. Jakob Weil in ihren Gutachten gegen solchen Mißbrauch des heiligen Amtes in Israel. Zwar huldigten sie unter Einbeziehung ihrer eigenen Personen der gefährlichen Auffassung, daß es in ihrer Zeit keine Talmide chachomim mehr gäbe. Aber doch versuchten sie, die Gemeinden zu binden, um sie zusammenzuschließen und zu führen, und für diesen notwendigen Wiederaufbau der Gemeinden erschienen ihnen die alten Bräuche als kräftiges Mittel und als eine unbedingte Voraussetzung. Durch sie sollte den Gemeinden das Bewußtsein des An- und Eingegliedertseins in die Tradition wiedergegeben werden, eine Pietät sollte in dieser Zeit, wo alle Verbundenheit zerrissen war, auferlegt werden. Allein auch Wärme und Besinnlichkeit mußte sich über Gemeinde- und Familienleben wieder ausbreiten. Man vergesse dabei auch nicht, daß Maharil nicht etwra selber Bräuche geschaffen hat, sondern nur auf frühere, durch Überlieferung belegte Bräuche der Vorzeit zurückgrifT. Wenn nun Maharil eine Wiederverwrurzelung der neugegründeten Gemeinden mit alter Überlieferung als Zeiterfordernis erkannte, so war dies doch nur im lokalen Boden möglich. Die Bräuche sind nun aber gerade die lokalen Überlieferungen, während aus Forschungen sich ergebende Gesetzesentscheidungen, weder räumlich noch zeillich begrenzt sind. Es soll gewiß hiebei nicht geleugnet werden, daß auch noch zu Maharil's Zeiten und in seiner Umgebung Bräuche vielfach Ausdruck des Aberglaubens waren; aber sie waren den durch die erschütternden Erlebnisse jener Zeit ruhelos gewordenen Juden leicht eingehende Direktiven. Und da Maharil trotz seiner überlegenen Geistigkeit sich nicht scheute, auf die Lebenseinstellung ,,des Volkes" einzugehen und auch im Ton populär zu sein, wird seine Leistung gern unterschätzt, während er doch in seiner Art und durch seine Tat grundlegende Arbeit leistete. Wie er es verstand, auf die Wesensgeartung der Jugend einzugehen, wie er das Leben in der Familie zu fördern suchte, wie er durch Betonung lokalgeschichtlicher Bedeutsamkeiten der Gemeinden Stolz, im besten Sinne, zu stärken suchte, wie er seinen Schülern, als den zukünftigen geistigen Führern, Würde zu geben und Schätzung zu verschaffen suchte: alles dies kann hier in dieser kurzen Darstellung nicht in den einzelnen Zügen ausgeführt werden. Sicherlich war er nicht nur der Zeit nach einer der ersten Re-