Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 676 (sequence 8)
- Language
- German
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676 MENORAH Solche Bedenken erweckt nicht die Tatsache der jüdischen Kolonisation, sondern die erwähnten Übertreibungen der kommunistischen Agitation. Die Millionen Bauern, die über Landknappheit klagen, können zu der vollkommen falschen Ansicht kommen, daß die Juden mit Hilfe ihrer reichen ausländischen Glaubensgenossen sich des ganzen Kolonisationsfonds bemächtigen wollen. Daß zu 90 Prozent die ganze Agitation aus Übertreibungen bestellt, werden die Bauern nimmer ergründen und die so zahlreichen Antisemiten werden gewiß ihnen darüber keine Aufklärung geben. Die kommunistischen Revolutionen, in denen Kommunisten jüdischer Herkunft eine so hervorragende Rolle spielen, haben überall zur Verbreitung antisemitischer Stimmungen in weiten Schichten der Bevölkerung viel beigetragen. Das sehen wir in Ungarn, in Bayern, und das ist auch in Rußland im höchsten Maße der Fall. Der Antisemitismus kann in Rußland im öiTentlichen Leben nicht zum Ausdruck kommen, dadurch wird er aber nicht ungefährlich. Die politische Lage in Rußland schließt keineswegs neue Erschütterungen aus. Es wäre darum leichtfertig, feindliche Stimmungen unter der russischen Bauernschaft entstehen zu lassen, die in der Zukunft von den Antisemiten ausgenutzt werden könnten. Deshalb ist es die Pflicht der verantwortungsbewußten jüdischen Kreise, den Übertreibungen in betreff der jüdischen Kolonisation energisch entgegenzutreten. IV. Schlußbetrachtung Ich befürchte, daß man mich des Pessimismus anklagen wird. Menschen haben den Weg der Rettung für die russischen Juden endlich ausfindig gemacht und ich will ihn verneinen. Ich habe aber keine Absicht, dem russischen Judentum eine bessere Zukunft abzusprechen. Ich muß sogar gestehen, daß im düsteren Bild des wirtschaftlichen Lebens des Judentums, das ich oben gegeben habe, jetzt gewisse Lichlstreifen zu sehen sind. Die Besserung ist in der zweiten Hälfte des Jahres 1925 eingetreten und die Juden haben sie nicht der Kolonisation von 5000 Familien, die auch noch nicht zu Ende geführt ist, zu verdanken. Sie verdanken sie einer gewissen Schwenkung der Regierungspolitik, einem gewissen Rücktritt des Kommunismus und gewissen Fortschritten der freien Wirtschaft. Laut den Bestimmungen des Rätetages vom Mai 1925 hat das Handwerk endlich gewisse Möglichkeiten freierer Entwicklung erlangt. Der Handwerker hat gewisse politische und bürgerliche Rechte erhalten; er zählt schon nicht zu den Parias der kommunistischen Gesellschaft. Sogar den Kleinhändlern gegenüber