Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 677 (sequence 9)
- Language
- German
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DIE JÜDIS C Ii E K O L O N I S A T I () N 677 wurde die Politik etwas gemildert. Ein Seufzer der Erleichterung ist von den jüdischen Massen ausgestoßen worden. Die Handwerkerklasse hefindet sich gegenwärtig unter den Juden im schnellen Wachsen. Nicht einigen Tausend Familien, sondern Ilunderttaiisenden wird mit solchen Maßnahmen geholfen. Leider ist die freiheitliche Politik einer kommunistischen Regierung alles andere als beständig. Vom Herbst des Jahres 1926 befindet sich Rußland wieder unter einer kommunistischen Reaktion. Man hat den privaten Getreidehandel durch Getreideiransportverbote ausgeschaltet, man hat die Verträge mit den privaten Mühlenpächtcrn außer Kraft gesetzt, man hat wieder den Handwerkern die Benutzung von Lohnarbeit äußerst erschwert usw. Damit hat man der jüdischen Bevölkerung einen Schaden zugefügt, den die Kolonisation in langen Jahren nicht gutzumachen imstande ist. Ungeachtet dieser Zuckungen der Politik, ungeachtet der äußerst schwierigen und unsicheren Lage, in der sich die jüdische Bevölkerung noch immer befindet, darf man an ihrer Zukunft nicht verzweifeln. Auch die ganze russische Volkswirtschaft kann sich erfolgreich entwickeln, nur insoweit sie sich von den Fesseln des vollkommen unhaltbaren kommunistischen Systems befreit. Die Interessen der Volkswirtschaft werden doch in naher Zukunft über den starren Dogmatismus der kommunistischen Regierung siegen und damit wird auch das russische Judentum aus seiner schweren wirtschaftlichen Not gerettet werden. Ein wichtiger Schritt dazu wurde im Mai 1925 bereits getan. Die allmähliche Herausbildung eines Bauernstandes aus einem Volke, das hunderte Jahre fremd der Landwirtschaft, der Arbeit in der Natur lebte, mag für seine Zukunft von großer Bedeutung sein. Diese Unternehmung ist aber viel zu umständlich und kostspielig, daß man auf diesem Wege die brennenden Fragen des sozialökonomischen Lebens der Juden lösen könnte. Dies ist hundert Jahre zurück nicht gelungen und dies kann auch jetzt nicht gelingen. Darum sollten die jüdischen Hilfsorganisationen die anderen Mittel, die zur Besserung der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Ostjuden führen, nicht vernachlässigen.