Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 674 (sequence 6)
- Language
- German
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674 MENORAH Emigration, die ohne Hilfe von außen sich entwickelte, war vor dem Kriege auf demselben Territorium mehr als zweimal so stark, und doch war auch sie für die wirtschaftliche Lage der Juden in Rußland nicht ausschlaggehend. Das Versprechen der Konisets", 100.000 jüdische Familien auf dem Lande in 10 Jahren anzusiedeln, soll nicht ernst genommen werden. Der Vorsitzende der Gesellschaft „Oset" Larin (Lurjc), mußte auf der letzten allgemeinen Tagung der Gesellschaft zugeben, daß Land, das ohne große Meliorationen für die Ansiedhmg der Juden benützt werden könnte, nur für 20.000 Familien zur Verfügung gestellt werden kann. Für die restlichen 80.000 Familien müssen die jüdischen Organisationen versuchen, durch Auspumpen der Limane des Asowschen Meeres, durch Trockenlegung der Rokitnosümpfe, durch Bepilanzung der Kaukasusberge Kulturboden bereitzustellen. Es besteht auch die Absicht, die jüdische Kolonisation nach dem asiatischen Fernen Osten abzulenken. Es isl aber sehr fraglich, ob die jüdischen wohltätigen Organisationen, die die brennende Not der jüdischen Bevölkerung lindern müssen, in solche kostspielige und komplizierte Unternehmungen einzugehen berufen seien. Die Ursache, warum die kommunistische Regierung von ihrer ursprünglichen Versprechung, 100.000 Familien mit Land zu versorgen, tatsächlich absehen muß, sind die Forderungen der Bauernschaft, denen sie Rechnung tragen muß. Die Agrarrevolution, die mit der allgemeinen Zersetzung der Volkswirtschaft begleitet war, hat die Übervölkerungskrise auf dem Lande in breiten Gebieten von Rußland nicht nur nicht gelindert, sie hat sie noch verschärft. Millionen und Millionen Bauern drängen zur Überwanderung und sind jederzeit bereit, den freien Roden im europäischen Rußland zu besiedeln. Diese Überwanderungsbewegung der Bauernmassen entwickelt sich; sie wird nur dadurch gehemmt, daß den Bauern eigene Mittel fehlen und der kommunistische Staat nicht gewillt ist, große Staatsmittel in die Überwanderung zu investieren. Doch sieht sich die Regierung genötigt, mit dem am leichtesten zugänglichen Teil des Landfonds sparsam umzugehen. Auch das Gerede von einer jüdischen autonomen Republik im europäischen Rußland soll man nicht ernst nehmen. Es ist dabei zu bemerken, daß unter Autonomie in einem kommunistischen Staate etwas ganz anderes verstanden wird als in der sogen, bürgerlichen Well. Rußland wird diktatorisch durch eine Parteioligarchie regiert und jede