Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 670 (sequence 2)
- Language
- German
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G70 MENORAH meisten schmerzt es die Juden, daß ihre Kinder in die Schulen nicht zugelassen werden. Die Lage der Bauern ist in rechtlicher Hinsicht viel günstiger; indem die Juden in die Bauernklasse eingereiht werden, erwerben sie gewisse politische und bürgerliche Rechte. Viele Händler, die über etwas Kapital verfügen, wandern gerne über, um es von der Willkür der Steuerbehörden zu retten und in der Landwirtschaft zu investieren. Die führenden Kommunisten bewerten die Leistungen solcher wohlhabender Siedler sehr hoch; viele vertreten sogar die Meinung, daß man Gesuche zur Übersiedlung gerade seitens der entrechteten Elemente bevorzugen soll. Die Kolonisationsmethode verspricht auch den besten Erfolg. Die Kolonisation wird durch eine amerikanische Organisation geführt, die von Anfang an dafür sorgt, daß keine rückständigen, halbnaturalen, sondern nur fortschrittliche Wirtschaften geschahen werden. Viele Errungenschaften der amerikanischen Technik werden dabei den Ansiedlern übermittelt. Die gegenwärtige1 jüdische Kolonisation in Rußland ist zweifellos die billigste, die man sich nur vorstellen kann. Den Boden, dessen Ankauf gewöhnlich eine Kolonisationsunternehmung am meisten belastet, erhalten die Übersiedler umsonst. 15 DeÜjatinen Boden im Steppengebiet der Ukraine oder 25 Deßjalinen im Steppengebiet der Krim hatten vor dem Krieg einen Wert von drei- bis viertausend Rubel. Den jüdischen Überwanderern werden auch andere Vergünstigungen, die für alle Überwanderer vorgesehen sind, zuteil. Die Überfahrt wird ihnen verbilligt, sie erhalten zu ermäßigten Preisen Bauholz, sie erhalten Saatgut von den Genossenschaften und landwirtschaftliche Geräte von den entsprechenden Staatssyndikaten kreditiert. Sie werden für drei Jahre von der landwirtschaftlichen Steuer befreit. Unbefriedigend steht es dagegen mit den Marktverhältnissen der russischen Landwirtschaft. Der kommunistische Staat erstrebt den Handel mit vielen landwirtschaftlichen Erzeugnissen und besonders den Gelreidehandel durch die ihm untergeordneten Handelsorganisationen zu beherrschen und den privaten Handel, der dem Bauer einen angemesseneren Preis zahlt, auszuschalten. Das Ziel des kommunistischen Staates ist, die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse stark herabzudrücken, um die Städte mit Nahrungsmitteln und die Industrie mit Rohstoffen billig zu versorgen und auch die Ausfuhr gewinnbringend zu gestalten. Da die Erzeugnisse der verstaatlichten Industrie äußerst teuer und auch von schlechter Qualität sind, so muß der Bauer für dasselbe oder sogar schlechtere tndustrieprodukt die drei-