Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-11-01
- Page
- 669 (sequence 1)
- Language
- German
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Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland Von Boris Brutzkus Professor des Russischen Wissenschaftlichen Instituts in Berlin, ehem. Professor der landwirtschaftlichen Hochschule in Petrograd (Schluß) III. Die Aussichten und die Bedeutung der neuen Kolonisationsbewegung. Die Erfolgschancen jeder Kolonisationsbewegung sind hauptsächlich vom Menschenmaterial, von seinen Eigentümlichkeiten und Stimmungen abhängig. In dieser Hinsicht ist zu sagen, daß die neue Kolonisationsunternehmung in Rußland über das beste Menschenmaterial verfügt, das das jüdische Volk für diesen Zweck geben kann. Das russische Judentum hat im Kriege und während der Revolution das Schlimmste durchgemacht. Die russischen Juden sind keineswegs verwöhnt und anspruchsvoll. Sie fühlen sich glücklich, wenn man ihnen die Möglichkeit bietet, eine unabhängige und ruhige wirtschaftliche Existenz zu schaffen. Nur die tatkräftigsten Elemente entscheiden sich überzusiedeln, denn trotz der Hilfe, die ihnen zuteil wird, müssen sie von Anfang an mit der größten Kraftanslrengung allein ihre Wirtschaften schaffen. Sie müssen selbst ihre Häuser bauen und lange Zeit in Baracken, Erdhütten oder sogar in Zelten hausen. Die Kolonisationsbcdingimgcn sind allen gut bekannt, da die Übersiedler in enger Verbindung mit der jüdischen Masse bleiben. Es gibt hier keinen Platz für Illusionen und Enttäuschungen. Alle, die Gelegenheit halten, die neuen Siedlungen kennenzulernen, sprechen mit Bewunderung von der Ausdauer und Talkraft der jüdischen Pioniere. Psychologisch wichtig ist ferner auch die Talsache, daß unter den ganz eigentümlichen Bedingungen des kommunistischen Staates der Übergang in den Bauernstand für die Übersiedler einen sozialen Aufstieg bedeutel. Im kommunistischen Staate ist der Umfang der Rechte des Staatsbürgers abhängig davon« welcher Klasse er angehört. Die große Masse der Juden, die nicht Mitglieder der Gewerkschaften sind, gehört zu den entrechteten Elementen der ständisch organisierten kommunistischen Gesellschaft. Diese Juden besitzen kein Wahlrecht, sie müssen für alle kommunalen Dienste: für Wohnung, Wasser u. and. m. ungeheuer teuer zahlen, in öffentliche Krankenhäuser werden sie nicht aufgenommen und auch ihre Persönlichkeit wird von dem Klassengericht oft ohne Schutz gelassen. Am