Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- David Royfe
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 657 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVID ROYFE 657 Es kamen geharnischte Reiter ins Dorf und durchsuchten alle Häuser und die Schule samt dem Bad. Aus der Stadt, wo der Erzbischof wohnte, war ein junger Jude, der die andere Religion angenommen hatte, entflohen und wurde gesucht. Es ward verkündet, wer ihn versteckt habe, werde verbrannt und die Gemeinde verjagt. Wir hatten ein ruhiges Gewissen, niemand war bei uns. Ich glaubte, es müsse Simon der Rotkopf sein, und zitterte um ihn, wenn ihn die Häscher fingen. Nach einigen Wochen, als die Reiter abgezogen waren, hörte ich — der Hahn krähte bereits — ein Klopfen am Fensterladen und als ich öffnete, sprach mich eine zerlumpte Gestalt in unserer Sprache an: „Vater, habe Erbarmen." Es war Simon, der Gehilfe des Koches beim Erzbischof, welcher sich schon monatelang in den Wäldern des Landes herumtrieb, aber, durch die mangelhafte Nahrung arg heruntergekommen, dem Tode nahe war. Ich gab ihm Unterkleider und führte den Bemitleidenswerten zu einem Keller, der mir gehörig, am jenseitigen Ufer des Baches lag. Auch brachte ich ihm zwei Gerstenbrote und einen großen Krug Milch. Mein Herz pochte, ich wußte, das geistliche Gericht des Erzbischofs würde nie Gnade walten lassen. Der Tod auf dem Holzstoße hatte keinen Schrecken für mich, doch durfte ich die ganze Gemeinde in Not und Elend stürzen? Konnte ich aber Simon dem Gerichte ausliefern? Nein und abermals nein. Ich ging zu den Vorstehern und wir berieten im Geheimen, was geschehen solle. Ausliefern wollten wir den Flüchtling um keinen Preis; aber den Aufenthalt einer ortsfremden Person kann man nicht geheim halten, durch Geplauder eines Kindes kann das schreckliche Geheimnis verraten werden. Da sagte der Vorsteher, der das Töpferhandwerk betrieb: „Höret, Freunde, vom Brunnen in meinem Hause, ganz unten am Brunnenschacht, geht ein Gang linkswärts, nur einige Ellen hoch und so groß, daß ein Mann dort schlafen kann. Bringe nun, Royfe, den Unglücklichen, zur Nachtzeit in meinen Hof und wir verstecken ihn." Es geschah so, ich brachte oft Gerstenbrot und Ziegenmilch und auch der Vorsteher ließ ihn nicht hungern; bei Nacht aber kroch Simon an einem Stricke aus dem Brunnen und schöpfte Luft. Ich aber und auch der Vorsteher konnten keinen Augenblick zur Ruhe kommen; sahen wir Leute durch das Dorf gehen, die uns unbekannt waren, vermuteten wir Schergen des Gerichtes; spielte der Wind mit den Fensterläden, so glaubte ich, man hole mich zu Gericht. Ich magerte ab und meine Augen wurden glanzlos. Die Leute wunderten