Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- David Royfe
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 656 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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656 MENORAH meinem Schwiegersohne, die schon Söhne hatten, Michael konnte stundenlang erzählen, welch großes Haus dort geführt wurde. Ich aber bat den Allbarmherzigen, er möge nur nichts Böses den Kindern zufügen lassen. Eines Abends sagten mir die Vorsteher nach dem Gebet: „Bleibe, wir haben mit dir zu reden." Ich antwortete: „Ich höre." Darauf sagte man mir, solange das Dorf stehe, wären die Sitten im Dorfe rein gewesen, gerade aus meinem Hause käme das Unglück. Ich war bestürzt und sagte: „Sprechet deutlich, meine Freunde.*' Nun mußte ich leider folgendes vernehmen: Im Dorfe, in einer Hütte, wohnte eine Waise, die Eltern waren erschlagen worden und die Gemeinde sorgte für sie. Das Mädchen hatte den Namen Perka und war siebzehn Jahre alt. Man hatte nun Garsche mit ihr schon lange Zeit gesehen und die Weiber im Dorfe behaupteten, sie sei schwanger. Der Vorsteher sagte mir, man müsse die Angelegenheit in Ordnung bringen, im oberen Dorfe spreche man auch schon davon und der gute Ruf der Mädchen im Dorfe leide darunter. Ich war von Herzen betrübt und als ich nach Hause kam, rief ich Garsche auf den Hof und sagte ihm: „Gehe morgen früh ins Bad, du mußt am Abend Perka heiraten." Doch Garsche widersprach und sagte: „Vater, es ist geschehen, wir sind vor Gott verheiratet, ich werde sie nicht verlassen, im Dorfe würden aber die Kinder auf uns zeigen und Perka wird nicht angesehen sein unter den Weibern. Wir wollen über die Berge nach Frankreich ziehen, dort sind auch Juden, die werden uns nicht verachten." Ich sagte ihm: „War ich dein Pflegevater, habe ich für dich gesorgt, hat meine Frau dich je verkürzt beim Essen und im Kleide? Nie — du kannst nicht Widerreden und mußt gehorchen. Nach Frankreich, über das Gebirge, führen schlechte Wege; willst du mit einer schwangeren Frau den sicheren Tod herausfordern? Du heiratest hier auf dem Hofe, ich will keinen Widerspruch hören; morgen abends zieht Perka zu uns." Mein Weib aber nahm Leinwand und das andere Gewebe und legte es in die Kammer, wo Garsche schlief, und Hosen und Hemden nach Frauenart. „Sie soll nicht arm zu uns kommen, daß sie nicht beschämt sei", sprach sie. Die Hochzeit fand statt und es kamen die Leute aus dem Dorfe und wir gaben zu essen Hirsebrei und Fische, außerdem Lammbraten; es freuten sich alle und ich sandte dem Richter im oberen Dorfe zwei Silberlinge als jährliches Schutzgeld für unseren neuen Ehemann Garsche.