Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1927-11-01 · Heft 11 (November 1927) · p. Seite 651

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 11 (November 1927)
Article
David Royfe
Date
1927-11-01
Page
Seite 651 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912866-2912877-2920857--05706-2920954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DAVID ROYFE 651 ich mußte Bibelstellen erklären und sie waren zufrieden. Über den Sabbat war ich Gast des Vorstehers, der Töpfer war, doch wurde nicht ein Wort gesprochen, ob ich Bräutigam sei oder nicht. Als nun die Sterne am Himmel erschienen, wurde mir eröffnet, ich würde noch in dieser Nacht das Mädchen, die Waise vom Hause auf dem Hügel, heiraten. Zwei Stunden nachher, auf dem Hofe des mir gehörigen Hauses (die Gemeinde hatte es mir als Hochzeitsgut gegeben), wurde mir mein liebes Weib Channa angetraut. Ein Lager von Bohnenstroh war bereitet, mit Decken darauf, und die Frauen wünschten uns recht viel Glück. Aber die jungen Mädchen sangen Spottverse, vom Fuchs, vom Hahn, der die Eier zerdrückt, und ähnliche, wie es Sitte allerortens war. Ein Mädchen, Mirjam, wurde uns im ersten Jahre geboren, ein schönes Kind. Ich war bald berühmt, da ich glückliche Heilungen vollbrachte, und täglich dankte ich Gott für seine Güte. Nach einigen Jahren sah ich ein, daß der Allgerechte uns kein weiteres Kind schenken würde und kränkte mich, daß ich keinen Sohn haben werde. Eines Tages erzählten Bauern vom oberen Dorfe, welches größer war als unseres und eine Kirche hatte, etwa eine Meile Weges von uns hätten Räuber einen Wagen, darin ein Jude und eine Jüdin sich befanden, geplündert und die beiden Leichen lägen dort. Wir fanden die Toten, übel zugerichtet, und nahmen sie mit, um ihnen auf unserem Friedhofe die letzte Ruhe zu bereiten. Im Wagen selbst fanden wir schlafend ein Knäblein von etwa drei Jahren, das die Räuber geschont hatten. Das Kind, welches schon einige Worte beten konnte, nannte sich mit Namen Garsche und über Beschluß der Gemeinde wurde mir das Waisenkind anvertraut. Mirjam und Garsche wuchsen zusammen auf als Schwester und Bruder. Mein Weib nähte beiden Kleider. Die Jahre verflossen, es wurde Winter und Sommer und wieder kam ein neues Jahr und die Kinder gediehen. Eines Tages, es war der Rüsttag zum Feste der ungesäuerten Brote, kamen zwei Gewappnete in meinen Hof und mit ihnen ein Mann, in Samt gekleidet. Ich erschrak, aber der Mann fragte freundlich, ob ich der Judenarzt sei. Ich bejahte. Darauf sagte er mir, er sei der Leibarzt des Herzogs, der in einer Stunde nachkommen werde. Der Leibarzt stellte mir verschiedene Fragen unserer Wissenschaft und riet mir, ich möge in die große Stadt mit den vielen Palästen ziehen, dort würde ich sehr geehrt sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.