Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- David Royfe
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 650 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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650 MENORAH meinen Vater als jüngsten. Ihr werdet gehört haben, es ist auch im Liede gesungen worden, daß die Zwillinge vor den Toren der Stadt den Märtyrertod fanden. Sie wollten das Kreuz nicht grüßen, ein Mönch, der eine Reiterschar begleitete, ließ sie beide töten. Auf dem Friedhofe ist das Grabmal, geziert mit zwei jungen Pferden. Als der Großvater erfuhr, daß seine beiden ältesten Söhne den zu diesen Zeiten nicht seltenen Märtyrertod gefunden hatten, wurde er ein Menschenfeind und starb innerhalb Jahresfrist. Mein Vater war noch sehr jung und seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Er übte die Kunst des Arztes aus, heiratete; meine Mutter starb bald nach meiner Geburt und ich blieb zurück, vom Vater sorgsam gepflegt. Ich lernte fleißig, außer der Sprache der Väter verstand ich, wenn man in der Sprache der früheren Besitzer des Landes, aber auch in der jetzigen, sich unterhielt. Die Krankheit meines Vaters und meine Jugend sich zunutze machend, kam ein neuer, rühriger Arzt in die Stadt, mein Vater starb, als ich 18 Jahre alt war. Seinem Wunsche entsprechend, verkaufte ich alles Entbehrliche und nur mit einem Wagen voll Hausrat fuhr ich nach Luz zu einem Bruder meiner Mutter, der außerhalb des Dorfes eine Gerberei besaß. Er war ein guter und frommer Familienvater, doch als ich einige Wochen seine Gastfreundschaft genossen, sprach er: „Höre, Sohn meiner Schwester, hier kannst du als Arzt nicht leben, drei Tagereisen von hier, nicht weit vom Flusse, ist ein großes jüdisches Dorf, auch in der Umgebung wohnen Juden, dorthin fahre." „Man hat mir mitgeteilt," so sprach mein Oheim, „dort sei ein Mädchen deines Alters, die Eltern starben beide und die Gemeinde hat nun die heilige Pflicht, das Kind zu verheiraten.'* Am nächsten Tag, es war Dienstag, also ein glücklicher Tag, fuhr ich in meinem Wagen, das Maultier am Zaume haltend, geleitet von dem Segen meines Oheims, nach der mir unbekannten Gegend. Es war Freitag nachmittags, als ich das Dorf vor mir liegen sah. Etwas abseits, auf einem Hügel, bemerkte ich ein einzelnstehendes Haus mit einem großen Hof. Vor dem Hause stand ein Mädchen, gut gewachsen und von der Sonne gebräunt. Mein Herz zuckte, als ich sie sah; ich dachte bei mir: „Wenn das doch deine Zukünftige wäre!" Ich fragte nach dem Vorsteher der Gemeinde und wurde in sein Haus geleitet; dort tauschten wir den Friedensgruß und ich versorgte mein Maultier. Der Vorsteher, der schon von mir gehört hatte, ließ zwei alte Leute kommen; sie fragten mich in allen drei Sprachen aus,