Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Disraeli und Palästina
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 642 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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642 MENORAH fast das einzige instinktiv starke Gefühl, das wir in dieser leidenschaftslosen Seele finden. Alle anderen Gebiete, in denen der Durchschnittsmensch sein Gefühl unterbringt, regiert hier der Verstand mit eisig klarer Helligkeit: Liebe, Ehe, die großen wie die kleinen Passionen des Lebens. Einzig hier strömen ursprüngliche Quellen. Freilich hat die Religion als Religion mit diesem allumfassenden Gefühl wenig oder nichts zu tun. Mit den ethischen Inhalten des Judentums hat dieser glänzende Geist sich wohl nie eingehender beschäftigt. Aber der Siegeszug der Gottesidee, der den Ruhm Roms und Athens überstrahlte, berauscht sein ahnenstolzes Herz mit edelster Begeisterung; denn auch das Christentum destilliert er aus dem Judentum mit den aristokratisch-jüdischen Worten: ,,Christentum ist Judentum für die Menge.u Und nun erwacht in ihm für die verachteten Träger dieser triumphierenden Idee ein unmittelbares Gefühl des Blutes, des Stammes, der Zusammengehörigkeit. Ward es wohl unterstützt durch Reaktion auf Demütigungen, denen der kleine blasse Jude in der englischen Schule ausgesetzt war? Wir wissen's nicht, könnend nur erraten aus den Andeutungen seiner beiden ersten Romane, ,,Vivian Grey" und ,,Contarini Fleming", die beide das Schicksal eines „Fremden" unter englischer Jugend schildern. Und es stimmt zu dieser Annahme, daß nun in dem von der Umwelt Zurückgestoßenen das „DifFerenzgefühl" erwacht, wie es neuere soziologische Forschung bezeichnet: ungemessener Stolz auf seine Rasse und seine Ahnen. Daß er Engländer war, so sagt einer seiner Biographen, das war die Realität im Leben Disraelis; daß er Jude war — das war der Traum dieses ungewöhnlich wachen Lebens. Hier ist ein Element der Mystik in dieser sonst durchaus vernunftgeleiteten Natur. Dieser Traum ist's, der ihn, als habe er dort eine Sendung zu erfüllen, nach Palästina trieb; und der ihn von dem Tage an, da er auf dem ölberg stand, sein Leben lang nicht mehr verließ. Wie aber offenbart sich dieser Traum nun im Werke dieses Lebens, in diesem Doppelwerke von Dichtung und Politik? Es scheint, daß er damals auf dem Boden des Heiligen Landes von geheimen Kräften der alten Heimat befeuert, einen Augenblick lang in sich die Sendung spürte, die er dann seinem David Alroy zugeschrieben hat: dem Volke der Juden das Land der Juden zurückzugewinnen. Denn dieser damals von dem Realisten in ihm, der den Träumer besiegte, aufgegebene Gedanke, rächt sich an ihm und tritt nun mehr oder weniger stark in fast jedem seiner dichterischen Werke wieder auf. Von Alroy sprachen wir schon, der ja, wie fast alle seine Helden, eine dichterische Steigerung Disraelis selbst bedeutet. Danach tritt in mehreren seiner Romane eine andere Wunschsteigerung seines jüdischen Ich auf: der geheimnisvolle jüdische Philosoph und Finanztmann Sidonia, nirgends daheim, alles wissend, der dem jungen Co ningsby von dem Vorrang der hebräischen Rasse spricht, fast so wie damals Disraeli selbst den jungen englischen Edelleuten in Deepdenes Park in halb mystischen Vorträgen die Überlegenheit seiner eigenen Abstammung erklärte. Neben diese rein deduktiven Ausführungen, die