Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 11 (November 1927)
- Article
- Disraeli und Palästina
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 641 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DISRAELT UND PALÄSTINA 641 hatte — alles sprach von Israels Größe zu diesem stolzen Sohne des alten Volkes. Diesen Augenblick, da Jerusalem sich zuerst vor seinen geblendeten Augen erhob, hat Benjamin Disraeli in seinem ganzen Leben nie mehr vergessen. Hier entsprang die Grundanschauung seines Lebens und vielleicht die einzige, die geeignet ist, uns das Rätsel dieses geheimnisvollen Mannes zu lösen. „Wer ist er?" mit einer Schrift, die diesen Titel trug, hatte der erfolglose junge Politiker seine Laufbahn begonnen, Wer ist er? so fragte nicht nur England, sondern die Welt, als der unbekannte Jude Benjamin Disraeli, der viermal mit seiner Kandidatur für das Unterhaus durchgefallen war, endlich Premierminister Englands, Freund der Königin, ja der populärste Mann im Lande geworden war. Denn auch seine Freunde drangen nicht in sein Innerstes; „Sphinx" nannte man ihn damals. Vielleicht hilft uns die Erinnerung an diesen Augenblick auf dem Ölberge, ein wenig von diesem Schleier zu lüften. Disraeli war ein Jude, der kein Jude war; so paradox beginnt die Geschichte seiner Entwicklung. Freilich war er als Jude geboren worden; aber in dem Alter, da andere jüdische Jungen Barmizwah werden, hatte ihn sein gelehrter Vater, der selbst aus persönlichen Gründen aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war, der Kirche zugeführt. Und doch gibt es kaum einen Gedanken in seinem Leben und seinen Werken, der ihm in Fühlen und Reden so nahe liegt wie der Gedanke an seine jüdische Abstammung. Dieser Gedanke war's auch, der ihn zur Zeit, da der gebildete junge Engländer seiner Zeit seine „Bildungsreise" unternahm, zur alten Heimat seiner Väter führte. Schon hatte er in Venedig die Heimat seiner unmittelbaren Vorfahren aufgesucht — sein Großvater war ja aus der Lagunenstadt ins neblige England gewandert — und sich dort wie der Held seines Romans „Contarini Fleming" von seinen Ahnen „erwartet" empfunden. Aber den Höhepunkt seiner Reise und vielleicht seiner ganzen Jugend mit allen ihren hochfliegenden Plänen bildete doch jener Aufenthalt im Heiligen Lande, mit dem wir unsere Erinnerungen begannen. Dort erst begann sich ihm das Rätsel seines eigenen Wesens zu entschleiern. Alle die ehrgeizigen Gedanken und Pläne, die ihn an diesen heiligen Orten erfüllten, nahmen zunächst Gestalt an in einer Heldengestalt, die er zum Vorwurf seines nächsten Romanes nahm und die, wie man mit Recht gesagt hat, für ihn zur Lebensgestalt wurde. David Alroy, der löwenkühne Führer Israels in der Gefangenschaft, offenbarte sich ihm damals, als er die Gräber der Könige besuchte; und seine Gedanken sind Disraelis Gedanken, seine Ziele sind Disraelis Ziele. Airoys Gestalt hat Disraeli durch sein Leben begleitet — bis hin zu seinem größten Erfolge, jenem berühmten Momente auf dem Berliner Kongreß, da er die englische Oberhoheit über die asiatische Türkei allem Widerstande zum Trotz errang. Aus welchen Quellen entspringt nun dieses seltsame Judengefühl, das wir bei diesem sonst durchaus nicht gefühlsbeherrschten Menschen finden? Zunächst zur Würdigung dieses Bildes sein Hintergrund: es ist