Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Vergessenes Romantikerleben
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 613 (sequence 3)
- Language
- German
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VERGESSENES ROMANTIKERLEBEN 613 kornsinn, aber er besaß nicht die geringste Sentimentalität für jüdisches Wesen; dies steigerte sich besonders, wo es gegen die jüdische Orthodoxie ging, die er für unduldsamer hielt, als die christliche, zum Ressentiment. Ihm, Schiff, ging es darum, den haltlosen Zustand des Hin- und Herpendeins zwischen Assimilation und Aufrechlerhaltung der Stammeseigenart, der dem Judentum seiner Zeit anhaftete, ein Ende zu machen, natürlich im Sinne eines völligen, aber restlosen Aufgehens im deutschen Volke. Er spürte, daß jede Verherrlichung des Judentums Kräfte zu dessen Erhaltung beisteuere; und gegen eine solche Erhaltung wehrte er sich mit aller Unbcdinglheit und aller Maßlosigkeit, die beide in ihm lagen. Diese Stellungnahme, aus der Schiffs antijüdische jüdische Genrenovellen entstanden sind, ist weit konsequenter als die ganze Reformanschauung seiner Zeit. Diese Konsequenz der Wahrhaftigkeit auch in der Selbslvernichlung berührt bei all ihrer Skurrilität weit sympathischer als die Zunz-Philippson-Kapperschen Rel'ormidcen und ihre süßlichen literarischen Auswirkungen. In der Geschichte der deutschen Literatur hat Schiff eine eigenartige, originelle Rolle gespielt. Er wurde am 23. April 1801 zu Hamburg als Sohn eines damals reichen jüdischen Kaufmannes geboren*). Sein Großvater hatte in zweiter Ehe seine Schwägerin Mathilde geheiratet, die aus erster Ehe mit Löf) Heine sechs Kinder hatte, darunter Samson Heine, den Vater Heinrich Heines. H e in e s und Schiffs Vater (Herz S c h i f f) waren also Vettern u n d zugleich S t i e f b r ü d e r. Schiffs Vater verarmte später. Jüdische Erziehung hat er dem Sohne nie angedeihen lassen. Schiff erzählt selbst, daß er nie hebräisch lernte. Er besuchte das Gymnasium in seiner Vaterstadt und bezog 1822 die Berliner Universität, *) Die Daten sind der sorgfältig gearbeiteten Biographie Schiffs, welche1 Friedrich Hirth im .Jahre 1913 herausgegeben ha.t, entnommen. Die Angaben in Goldeekes' „Grundriß" erweisen sich, wie sooft, Huchhier als unzuverlässig, sind übrigens durchsetzt von tendenziös gefärbten Angaben über das Leben Schiffs, das allerdings nicht musterhaft war. wo er in den Bann der damals noch in der Blüte stehenden Romantik geriet. Ihr blieb er zeitlebens — im Schaffen u n d Leben — treu und wird mit Recht — wenn auch spöttisch — ,,der letzte Romantiker" genannt. Er hat vor keiner Forderung der Romantiker haltgemacht, sogar ihre Verehrung für den Katholizismus ist auf ihn übergegangen. Während seines zweijährigen Studienaufenthaltes in Berlin wurde er mit Heine befreundet und diese Freundschaft hielt, wenn auch aus der Entfernung, so doch ziemlich dauerhaft an*). Heine war Schiff bei Verlegern und Zeilschriften behilflich. Schiff beendigte seine Studien in Jena im Jahre 1825 durch Erlangung des philosophischen Doktorgrades und lebte seither — ein Amt konnte er als Jude nicht erlangen — als freier Schriftsteller. Sein erstes Werk, das er veröffentlichte (1826), war eine Forlsetzung des E. T. A. Hoffmannschen ..Kater Murr" unter dem Titel ,.N Li c Ii 1 a ß des Kater M u r r". Also völlig romantisches Fahrwasser. Was den Inhalt anlangt, so kann man diese Forlsetzung des Hoffmannschen Meisterwerkes durch Schiff wohl kaum anders denn als schlimmste Graphomanie bezeichnen. Weil besser ist Schiffs gleichzeitig erschienene Novelle ,,P u m p r i c h u n d P u m p a u 1", an der auch Heine, welcher Schiffs ..Murr"- Fortselzung kurz und bündig in einem Briefe an den Autor als ..schlecht" bezeichnete, lebhaften Gefallen fand, wohl weil sie recht derb einen studentischen. Ulk wiedergab, wofür Heine viel übrig hatte. Schiff hat viel geschrieben (eine Sammlung seiner Werke würde etliche starke Bände füllen) und viel, eigentlich alles, um Brot geschrieben. Er war ohne Zweifel ein starkes Talent, aber ein völlig zügelloses, wie in seinem Leben, das später zu Trunksucht und Ausschweifung *; Es istinteressant, daß sich eine zeitweilige Trübung des guten Verhältnisses zwischen Heine und Sch irr dadurch ergab, daß Schiff in einer Kritik über Heines „Shakespeare und die Frauen", dessen Kommentierung des „Kaufmanns von Venedig" als eine aus Heines ,1 ü d i s c h e in Ko s ra o p o 1 i t i 8 m u s heraus entstandene Verunglimpfung Shakespeares bezeichnete. Diese Rezension Scniffs, die für seine Anschauung über das Judentum bezeichnend ist, hält sich in'schärfstem Ton. Heine brauchte lange, um sie zu vererepsen.