Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Vergessenes Romantikerleben
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 614 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912876-2920641--05588-2920774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
614 MENORAH führte. Eigentlich war das Ungezügelte seines Lebens das Primäre und daher Einfluß nehmende auf seine Dichtung, die oft nicht mehr bloß bizarr-phantastisch, sondern geradezu wahnsinnig anmutet. Doch war sein Talent unbestreitbar und deutlich zu erkennen und man setzte große Hoffnungen auf ihn für eine ,,Wiederbelebung" der damals vom .Jungen Deutschland" arg bedrängten Romantik. Er hat diese Hoffnungen nicht erfüllt und was ihn überdauerte, ist eigentlich nur —■ seine eigenartige Stellung zum Judentum, die auf ehrliche, innere Wahrhaftigkeit dieses merkwürdig maßlosen und vielgeschmählen Menschen und Schriftstellers schließen läßt. Ein besonderes Verdienst ist übrigens Schiff zuzuerkennen: Er hat als erster Balzac in Deutschland eingeführt. Allerdings in einer merkwürdigen Weise. Er hat die Werke Balzacs (..Das Chagrinleder", ,,Die Schleichhändler" und andere) nicht wörtlich oder sinngemäß übersetzt, sondern völlig umgestaltet, indem er versuchte, sie zur Propaganda für seine vielgeliebte Romantik sozusagen zu „romantisieren". An einem so unromantischen Schriftsteller wie Balzac ein recht merkwürdiges Verfahren! Seine Schreibweise blieb übrigens zeitlebens unter dem Einfluß Balzacs — und das ist etner ihrer Vorzüge. Es ist übrigens nicht der einzige Fall, daß Schiff mit seinen Werken, Ideen und Anschauungen Pech hatte und zur Unzeit kam. Seine reifste romantische Novelle ..Gevatter Tod" schrieb er, als kein Mensch mehr für romantische Novellen Interesse hatte: sein „Schief-Levinchc" erschien gerade zur Zeit der Revolution des Jahres 18-18 und blieb im Sturm der Ereignisse völlig unbeachtet, bis sich drei Jahre später Heine für das Werk einsetzte; und schließlich — seine Anschauungen über das Juden (um, welche damals die konsequent richtigen waren, blieben ungehört. Den größten Teil seines Lebens halte Schiff nur einen treuen Gefährten — die Not. Sie konnte ihn aber nie zwingen, Konzessionen im Grundsätzlichen zu machen, wenn er auch um des Brotes willen dann und wann Schundromane schrieb. Er war so merkwürdig wahrhaft, daß er nie zum Zeitungsschreiber und zum Politiker taugte, obwohl er eine gute und scharfe Feder führte; wo er für derlei gewonnen wurde, kam nichts heraus. Er hat als Redakteur gar manche Zeitschrift zugrunde gerichtet. Seine politische Grundansehauung war stets eine demokratische, für einen Romantiker ebenfalls ein merkwürdiger Zug! Sie in der Öffentlichkeit auszuwerten, besaß er jedoch keine Fähigkeit. Sein Reich war das der schrankenlosen Phantasie. Die nährt, weiß Gott, ihren Mann nicht ordentlich. Und so kam es, daß Schiff Musikslunden und BraIschenkonzerle (er war Meisler auf diesem Instrument) gab. Tanzlehrer, Ballettmeister. Notenschreiber, Schauspieler und Fechtmeister war und ruhelos von Ort zu Ort zog. Seine eigene He i m a tstadt wies ihn (1851), da er ..als sogenannter Literat" politisch verdächtig war, aus. nachdem er wegen „Preßvergehens" einige Wochen in Untersuchungshaft gesessen war. Erst drei Jahre später wurde die Ausweisung als rechtsungültig zurückgezogen. Und im Jahre 1857 brachte die Not Schiff so weit, daß er sich ins Hamburger A r m e n h a u s aufnehmen lassen mußte, wo er nahezu fünf Monate verblieb. Verlage und Zeitschriften nahmen sich nun seiner an (der „Fall" Iiatte Aufsehen erregt) und von 1802 bis zu seinem Tode stipendieiie ihn die deutsche Schiller-Stiftung. Was er in den letzten Lebensjahren schrieb, trägt deutlich den Stempel des Verfalles. Damals erschienen auch seine Polemiken gegen den „Neuisraelitismus", die aber mehr hämisch als geistvoll sind und statt Wucht kraftloses Gesalbader enthalten. In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1867 starb er plötzlich — überreif für den Tod — und wurde (letzte Ironie seines Lebens) auf dem Hamburger j ü d i - sehe n Friedhof begraben, da sich, wie es in der amtlichen Motivierung dieser Verfügung heißt, „trotz der Vermutung, der Verstorbene sei zum Christentum übergetreten", kein bezeugendes Dokument darüber vorfand.