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Menorah · 1927-10-01 · Heft 10 (Oktober 1927) · p. Seite 612

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 10 (Oktober 1927)
Article
Vergessenes Romantikerleben
Date
1927-10-01
Page
Seite 612 (sequence 2)
Language
German
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612 MENORAH tiefsinnig, voll sprudelnden Witzes, wahrhaft künstlerisch und, was die Hauptsache ist — es hat das Verdienst, mich unendlich amüsiert zu haben." Vor allem zog wohl Heine, der ja den „Almansor" geschrieben hat, an Schiffs Buch das satirische Motiv, ein Judenmädchen als Modell für ein Marienbild zu benützen, an*). Es gibt aber auch sonst im Buche trefflich erfaßte Gestalten, bei denen die Bosheit und Bissigkeit ihres Schöpfers hinter der künstlerischen Inspiration zurücktritt, so die Figur des frommen Schlemiehl Löbel Kurzweil, der für hundert Taler zu allem fähig ist; es ist zu bedauern, daß Schiff seinen am Schlüsse des Romans angekündigten Plan, in einem späteren Buche die ,,Schlemiehligkeiten Löbel Kurzweils, des Missionärs" zu beschreiben, nicht zur Ausführung gebracht hat. Das salirisch-blasphemische Motiv, ein in einem kleinen Orte wohlbekanntes Mädchen als Modell für ein Marienbild zu benülzen, das wohl zeigen sollte, wie wenig göttlich die Personen seien, die im Bilde angebetet werden, hat übrigens Schiff bereits in einer zwei Jahre vor seinem Roman erschienenen Novelle ,,D es Teufels S c h w a b e n s t r c i c h" benützt, die er eine „katholische Novelle" benannte, und es spielt auch in seine 1855 erschienene, ziemlich verworrene Tanznovelle", betitelt ,,D i e W a i s e To m a v i s" hinein. Dabei muß aber bemerkt werden, daß derselbe Schiff, welcher diese Geschichte schrieb, zeitlebens ein glühender Verehrer des Katholizismus war und sich im Jahre 1841 auch taufen ließ, bei welcher Gelegenheit er seinen Vornamen David-Bär in Hermann eintauschte. Doppelt merkwürdig aber, daß Schiff gerade zu der Zeit, als er den Übertritt zum Christentum vollzog (Ironie: Der romantische Verehrer des Katholizismus wurde — Protestant, um, als Vierzigjähriger eine neunzehnjährige kleine Schauspielerin zu heiraten, die ihm einen Tag später davonlief und in *) Diesen thematischen Vorwurf hat vor einigen Jahren der jiddische Romancier Schalom Asch in seinem Roman „Die Zauberin von Castilien" wieder aufgenommen. der Folge alle Kinder, die sie von ihren diversen Liebhabern halle, als die seinen ausgab), sich mit der Herausgabe einer Sammlung jüdischer Sagen und Erzählungen befaßte. Von dieser Sammlung, die den Titel ,.H undertundein Sabbat" führt, ist nur ein Bändchen erschienen, das neben einer bekannten Alexander-Legende (..Alexander und der Tolenschädel") und einer unbedeutenden Salomo-Sage sowie einer aus Wagcnseils merkwürdigem Buche ..Die Kunst, hebräisch zu lernen":i:) übernommenen Legende, eine Novelle ,,D a s T o 1 Ih a u s", eine gute Genrecrzählung .,S i mo n A bei e s" und eine Satire „Die S a b b a te h r e" enthält. Später hat dann Schiff ,,/ w e i S a b b a t g e s c h i c Ii t e n", ferner „D er g e s p e n s t i s c he R a b b i". ,.D i e wilde R a b b i z i n", „13 a s koschere H a u s" als jüdische Genregeschieh len geschrieben, auch Eugen S u e s Roman „Der ewige Jude" übertragen, in seinen letzten Lebensjahren auch lokalpolilische Gespräche und Glossen in Hamburger Zeitungen und Zeilschriften, deren Mitarbeiter er war, im jüdisch-deulsch-hamburgischen Jargon geschrieben. So ist Schiff, der in seinem 66 Jahre währenden Leben sehr viel schrieb, in gewissem Sinne auch jener in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderls einsetzenden und bald flulartig anschwellenden jüdischen Genreliteralur in deutscher Sprache zuzuzählen, welche eine Zeitlang so beliebt war und aus der sich einige Geschichten und Romane von Kompert, Auerbach, David Bernstein und — von der anderen Seile her — die Romane Spindlers und Sues sowie Gutzkows Drama ,,Uriel Acosta" in unsere Tage gerettet haben. Das Merkwürdige an Schiffs Judengeschichten ist nun, daß sie alle in der Tendenz — antijüdisch sind, während alles, was sonst damals in diesem Genre geschrieben wurde, gerade auf das Gegenteil tendiert und das oft in aufgetragener,, aufdringlicher Manier. Schiff war wohl kein Judenfeind im Pfeffer- *) Die Lektüre dieses Buches während eines Aufenthaltes in Ostfriesland regte Schiff zu der Idee an, jüdische Sagen zu sammeln.

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