Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Vergessenes Romantikerleben
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 611 (sequence 1)
- Language
- German
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VERGESSENES ROMANTIKERLEBEN von Dr. Siegfried Schmitz Die Neudrucke, welche der als Herausgeber Heines bekannte Verlag Hoffmann & Campe von seinen Verlagswerken nicht lange nach dem Weltkrieg erscheinen ließ, haben ein skurriles, aber interessantes Buch wieder ans Licht gebracht, das ebenso wie sein Verfasser merkwürdig genannt zu werden verdient. Es ist Hermann S c Ii i f f s Roman .,8 c h i c f L c v i n c h c mit s e i n e r Kalle"*), vom Autor selbst als ..komischer Roman" bezeichnet. In Wirklichkeit ist dieser ..kölnische Roman" —- der einen sehr tragischen. allerdings dichterisch schönen Schluß hat — eine gallige Satire auf den Fanatismus der jüdischen und der christlichen Religion, der zur höheren Ehre Gottes der Marter und des Mordes fähig ist. In einer kleinen polnischen Stadt findet ein Maler, der ein Multergottesbild für die Kirche zu malen hat, ein passendes Modell in der schönen Marianne, der Tochter des Rabbi, die mit dem häßlichsten Kerl der Juriengassc, dem Sohne des reichen Gemeindevorstehers Le- \in. verlobt ist. Durch eine List gelingt es, Marianne zum Modellsilzen zu bringen. Ein herrliches Marienbild entsteht, welches das Entzücken der Gläubigen bildet. Es wird ruchbar, wer zu dem Bilde Modell gestanden ist und die unschuldige Marianne wird von ihrem Vater mit schwerer Buße beleg!, von der Mutter durch sinnlose Kratzwunden entstellt, von der Gemeinde geheizt und bespien und geht endlich, da sie der Vater ~l Die erste Aullacre des Buches erschien im Jahre i sis; der Titel lautet: „Schief-Levinche mit seiner Kall e oder Polnische Wirtschaft. Ein komischer J?oman.w In einem Vorwort „An meinen "Verleger" setzt der Autor — neben einigen überaus klugen und einigen arg verschrobenen Bemerkungen über den damaligen Stand der deutschen Literatur — auseinander, warum er einen komischen lioman schreiben mußte, und sagt: „Begegnen sich zwei Religionen im Geiste des schaffenden Dichters, so schwindet augenblicklich alles Würdige, Edle, Erhabene, löst sich auf und verflüchtigt sich; und . . . so ist. . . der Niederschlag: ein komischer Roman." Die deutliche Absicht, die mit diesen Worten ausgedrückt ist, wird überdeutlich dadurch, daß Schiff für sein Werk das Pseudonym Isaak Bernays wählte. Isaak Bernays war orthodoxer Rabbiner in Hamburg, der Vaterstadt Schilfs. fortweist, in die Chrislenstadt. Dort wird sie durch entsprechende Vorbereitungen eines Jesuitenpalers, der das schöne Original seiner angebeteten Maria für sich haben möchte, wie eine Heilige empfangen. Die seelischen Erregungen und die Bußfasten aber haben das Mädchen so gründlich zerstört, daß sie mitten in der kirchlichen Andacht ohnmächtig niedersinkt und bald darauf stirbt. Der Jesuitenpalcr, in seinen irdischen Hoffnungen betrogen, nützt den Vorfall wenigstens für seine kirchlichen Zwecke aus und läßt durch ein geschicktes Traktätchcn Kunde davon verbreiten, daß die im Sterben getaufte Marianne eine von der Goltesjung- Irau zum Opfer erkorene Märlyrerin sei, und sie wird neben dem Hochaltar beigesetzt. Diese vom Dichter ins Ende des IS. Jahrhunderts verlegte Eabol wird mit geradezu hohnvoller Bissigkeil ausgesponnen, die sich stellenweise — nach der jüdischen, wie nach der christlichen Seite hin — geradezu zur Blasphemie steigert. Die handelnden Personen sind mit Balzacscher Schonungslosigkeit als die niederträchtigsten Geschöpfe auf Gottes Erdboden gezeichnet, Juden sowohl wie Christen. Eine Ausnahme bildet ein sozusagen freigeistig gesprenkelter Bürgermeister und, nach der Lichtseile hin wieder ins Extrem fallend, die Eigur Mariannens, die übrigens manchmal wie ein weiblicher Vorläufer des Dostojewskischen Fürsten Myschkin anmutet. Obwohl diese Art der Schilderung dem Roman die Wahrscheinlichkeit raubt, ist er doch anziehend zu lesen und rechtfertigt das Urteil Heinrich Heines, der in einer 1851 erschienenen Einleitung zu de m W e r k e S c h i f f s, die durch alle, auch die kleinsten deutschen Blätter ging, sagte: ..Dieser dumme Kerl" —- damit ist Schiff gemeint — ,.ist ein wahres Genie. Kr hat mehr plastische Darstellungsgabe, als alle neueren Poeten zusammen, die jetzt in Deutschland leben . . . Sein Buch ist