Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Die jüdische Kolonisation und die Wirtschaftslage der Juden in Rußland
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 604 (sequence 5)
- Language
- German
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604 MENORAH Die soziale Revolution hat alle günstigen Ergebnisse der sozialökonomischen Entwicklung des russischen Judentums von den Befreiungsreformeii Alexanders IL bis zum Weltkrieg vernichtet. Die vor dem Kriege so zahlreichen jüdischen arbeitenden Klassen haben zum größten Teil ihre Arbeitsgelegenheiten verloren. Das Ergebnis des Niederganges von Rußland für das sozial-ökonomische Leben des Judentums ist dasselbe wie vor 150 Jahren beim Niedergang Polens: die Juden wurden deklassiert, in der rückgebildeten Volkswirtschaft wurden sie überflüssig. Die meisten Juden taumeln auf den Marktplätzen, sie mußten sich wieder in „Luftmensehon". in eine Horde von Spekulanten verwandeln. Die Juden sind dazu gezwungen — sie wollen es aber nicht. Die tatkräftigsten unter ihnen suchten allerlei Auswege aus dieser Lage. Schon zu Beginn der sozialen Revolution versuchten gewisse Gruppen der Juden den Ausweg aus ihrer traurigen Lage im Übergang zur landwirtschaftlichen Arbeit zu linden. Das kommunistische Experiment brachte die russischen Städte in eine grausame Hungersnot hinein. Millionen und Millionen Stadtbewohner haben sich in den Jahren 1917 bis 1921 aufs Land geflüchtet und die Agrarrevolution ausgenützt, um sich mit einem Landanteil zu versorgen. Diese große Flucht aus den Städten haben die Juden nicht mitgemacht, denn sie standen in keiner Verbindung mit der ländlichen Bevölkerung und fühlten sich damals auf dem Lande am wenigsten sicher. Sie möchten auch Land erhalten, um sich davon ernähren zu können, aber womöglich an ihren alten Wohnstätten. In vielen Fällen fiel bei der allgemeinen Aufteilung des Landes etwas Boden auch den Juden zu. Einer gewissen Zahl der in den Kleinstädten wohnhaften Juden ist es später gelungen, von den Landabteilungen bescheidene Bodenanteile aus den Restgütern zu erhalten. In Weißrußland, wo keine Pogrome vorgekommen sind, siedelten sich die Juden oftmals in den ausgeplünderten Gutshöfen an. So gelang es ungefähr 8V2 Tausend Familien 50.000 Dessjat. Land unweit von ihren allen Wohnorlen zu erhalten. Da aber in Weißrußland und in Ukraina, wo die jüdische Bevölkerung besonders zahlreich ist, es an freiem Land fehlt, so kam es bald zur spontanen Entwicklung einer Wanderungsbewegung. Die Revolution schuf gewisse Vorbedingungen dazu. Eine der verhängnisvollsten Folgen der Revolution war ein starker Rückgang der Landwirtschaft in den Steppengebieten. Vor dem Kriege spielten hier in der Landwirtschaft die Wirtschaften der Großbauern