Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Auf dem Hügel
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 594 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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594 MENORAH früher als alle in die Stube zu gelangen und aufzupassen. Aber der Belfer ist flinker. Er lärmt, rückt Tische und Bänke zusammen und ehe er noch den Tisch decken konnte, tragen die Leute bereits von allen Seiten auf. Man rennt, schreit und drängt sich. Die alte Sureh zieht aus Herd und Backofen heiße, duftende Töpfe; mit frischer, sich nie erschöpfender Kraft. Die Männer haben Schürzen voll Semmeln um die Hosen gebunden. Ihre Streimelmützen sitzen schief am Genick: „Laßt mal. . . Laßt mal mich, Mechiten ..." Der Belfer drängt sich heran, trägt den großen Spülbottich zum Tisch, damit der Bräutigam sich die Hände waschen kann. Neben ihm sitzt Breindel und bläst in den Löffel hinein, schlürft geräuschvoll die ,,goldene" Suppe. Ihr weißer Schleier sitzt etwas schief auf der Stirne und sie schnaubt vor Wut. Sie sieht, was sich da abspielt und ihre Augen suchen den Vater, daß er aufpasse... Es herrscht ein Wirrwarr, die Leute laufen, packen, kauen und essen, Semmeln werden aufgeschnitten, dreieckige Lebkuchenschnitte in die Schnupftücher gesteckt. Schmiel-Jossje drängt sich mit geschürzten Rockschößen vor. Die Streimelmütze fällt ihm vom Kopfe und er schreit unverständlich mit seiner dumpfen, halbraunzigen Stimme. Um Himmelswillen, man mache ihn doch zum Bettler, trage ihm die Knochen aus dem Leibe weg . .. „Diebsgesindel. . . Warum wird nicht aufgepaßt? .. . Um Gotteshimmelswillen, Räuber . . Man hört nicht auf ihn. Sie drängen, schleppen ihn mitten in den Knäuel, ins Gewimmel hinein; die verschossenen Kaftane glänzen in dem halbdunklen Lärm, die Ohrringe baumeln, die erhitzten Gäste schreien, fluchen; die Töpfe werden geplündert, fortgetragen; gefüllte Münder kauen, eine Schüssel wird zerbrochen, es wird gestritten, gepackt und in die Taschen gesteckt. Schmiel-Jossjes Bart zittert, schüttelt sich, er langt nach Rücken, ergreift Schultern und schleppt den Schammes herbei, kreischt, schimpft ihn aus: „Was sagst man zu so einem Juden? .. . Warum ruft man nicht das Druscheh-Geschenk1) aus? .. " „Um Himmelswillen .. . Ich werde mich umbringen . .." Der Schammes besteigt den mitten in der Stube stehenden Sessel und mit seiner Streimelmütze reicht er bis an die Decke. Sein graues, dünnes Bärtchen bewegt sich wie von selbst, er patscht in beide Hände und schreit heiser, den Hals aus den Tüchern hervorsteckend: *) Die Hochzeitsgeschenke werden öffentlich genannt und bedankt.