Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Article
- Die synagogale Kunst im Mittelalter
- Date
- 1927-10-01
- Page
- Seite 583 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SYNAGOGALE KUNST IM MITTELALTER 583 Majuskeln, die ebenso wie die ausführlichen Kapitelüberschriften rot hervorleuchten, auch die ornamental kostbar ausgeschmückten Initialen zeigen geflügelte Fabel- oder mannigfaltige Lebewesen, denen Blatt- und Rankenwerk aus dem Rachen hervorquillt. Neben dieser teilweise noch auf eine ältere, zähe festgehaltene Ornamentierkunst zurückgehenden aber macht sich die streng gebundene Tätigkeit des Zeichners in den Haggadoth in übermütig tollen Sprüngen und Kapriolen der Gotik Luft, etwa wie die aitfranzösischen chansons de la mal mariee, die Lieder von der durch väterlichen Machtspruch unglücklich Verheirateten, als Begleitung zu ländlichen Tänzen und den Freiheiten der Maierolen die häusliche Strenge des ehelichen „Tyrannen*' am 1. Mai in ausgelassener Festesfreude unterbrachen. In solchem Sinne wäre auch das Scherzmotiv der zuweilen bis zum Übermut ausschlagenden Stimmung zu verstehen, in der nach H. Prg. (S. 36) der Hausherr mit dem Finger auf die große Lattichstaude des Bitterkrauts in seiner Rechten weist, das hier nach dem anklingenden Bibelwort an das böse Weib gemahnt, welches bitterer ist als der Tod, Die Lust am Humor führt im XIV. Jahrhundert in Frankreich zu Drölerien mit frei erdachten genrehaften Gestalten von Teufelchen und Kobolden, Äffchen und fabelhaften Ungetümen, die in den Ranken nisten, von übermütigen Drachenkämpfen und ausgelassenen Teufelsfratzen. Die häufige Verwendung dieser allegorisch ausgestatteten Pflanzenornamentik stimmt ganz zum Gedankengehalt eines Dichtwerkes, das durch sein überragendes Ansehen in der Romania jene Zeit beherrschte, den Dit des Rosenromans. H. Grf. bringt den Propheten Elia sehr lebendig als Ritter mit silbernem Schwert und langen goldenen Sporen auf einem Maultier reitend, das ein grün geflügelter Engel dem himmlischen Jerusalem entgegenführt, während er sich übermütig rückwärtswendet und das Schwert zum Himmel emporhebt, der überlange Schwanz seines Reittiers aber von einer Reihe Männer und Frauen erfaßt wird, die hinter ihm herstapfen, der letzte mit einer halben Mazzah in den Händen und über ihm ein großes Schofarhorn. Der allegorische Sinn dieses Bildes, das die messianische Hoffnung des Passah der spätesten goldenen Zukunft mit demjenigen in Ägypten verknüpft, liegt offen zutage. In lebendiger Natürlichkeit ist auch die Fabel von den hier als nackten Waldmenschen erscheinenden Affen wiedergegeben, die, vom Jäger durch Wein berauscht, in den von ihm zurückgelassenen engen Stiefeln gefangen werden. Dieser Stoff' wird auf das Tierfabelwerk Bestiaire d'amour des Richard v. Fournival zurückgeführt und findet seinen Sinngehalt eindeutiger auch in dem Bild der Katze wiederholt, die sich mit dem Kopf in einem Gefäß gefangen hat, ebenso in den Hirschen, Hasen und Hunden, die einander in den Schwanz beißen. Sie knüpfen sämtlich an den Grundgedanken des Chad gadjah- Liedes vom Lämmchen an, nach dem jede Untat ihre Vergeltung findet, so daß am Ende aller Übeltaten Gott als der letzte, höchste Richter steht. Während diese scherzhaften Versinnbildlichungen den Glauben an einen gerechten Ausgleich der Dinge stärken und zum