Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Armand Lunel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 551 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ARMAND LUNEL 551 e leblc, auferstanden ist, da sucht Nicolo- ^ceavi seine Kleider zusammen, um würdig or Gottes Thron zu treten. Doch weder der uizug des Gepäckträgers, worin er starb, loch die Uniform des Asyls und auch nicht lie Tracht des kirchlichen Lieferanten oder las Kostüm seiner nächtlichen Besuche in ler Judengasse scheint ihm entsprechend. .Es ist keine Zeit mehr zu zögern. Die ilockc läutet immer ungeduldiger. Tüchiger als Fregoli, doch ein wenig ernster spielend, was sucht er so fiejerhatt in dieser Auferstehung der Kostüme, jmser alter Kostümmeislei* aus Carpentras? Er bückt sich; er seufzt. Endlich, in der letzten Reihe der Flitterwerke, findet er das Kleid eines Magen, reich gefaltet und sternbesät. Wie ist es schön, das alte liebe Kleid des Memucan*), viel schöner noch als 17. . bei der Aufführung der Königin Esther! Was für eine Schwärze, wie herrlich tief! Aus dem dunkelsten und fernsten Teil des Himmelszeltes ist es geschnitten; und seine Sterne, zweifellos, diesmal sind sie echte Sterne! Augustin zog also s e i n Kleid an: denn Memucan und er sind nunmehr eine Seele, ein Körper, von nun an e i n Mensch. Unter den Hüten zaudert seine Wahl: spitze Haube oder gelber Hut? Bloßköpfig, unschlüssig, behält er einen in jeder Hand. Die Glocke aber läutet, läutet so stark, bis das Himmelsgewölbe wie eine Schale barst und Gott erschien, der König der Patriarchen, hoch oben in seiner goldenen Loge, von Engelsscharen umgeben. Nicolo-Peccavi spielt das letzte Mal. Zum letztenmal, jetzt für sein Seelenheil, erscheint er, in seiner besten Rolle, vor Gott, den Engeln und der Ewigkeit! Ein Schauspieler, aufrichtig, doch müde, hebt er die Augen zu seinen Richtern, grüßt traurig hinüber. Dann, mit einer Geste, die Jahrhunderte des Judeseins ihm geboten, bedeckt er sein Haupt, wie man es vor Gott bedecken seil, mit dem armseligen, vornehmen, gelben Hut des Ghetto. Da klatschten Engel, aus anderer Engel Mitte, Beifall; es waren uralte *) Unter diesem Beinamen warBonjuea Velleron allgemein in seiner Gemeinde bekannt. Engel, mit versteinertem Moos bedeckt, wahrscheinlich Juden, die Engel Abraham und Jakob. Und Raphael, Michael und Gabriel wenden sich zum Allerheiligslen, um für Peccavi zu bitten, und er, der Valer, wendet sich zu seinem Sohn, und er, Christus, sagt nicht nein! Hat doch Peccavi so viel gelitten! Da streckt Gott seine Hand aus und in der leuchtenden Rose, von der der Talmud spricht, strahlt Peccavi vor lauter Glück der Gebenedeiten. Peccavi ist erwählt. Peccavi ist gerettet. Amen." So klingt, wie so oft in alten Volksbüchern, die traurige Geschichte vom verfluchten Stamme Bonjusa Vellerons in eine Apotheose aus. Ein düsteres Pendant zu jener sonnigen Märe vom Seilermeister, berichtet auch diese Erzählung von einem, der alter Erinnerungen voll, sein Leben nach ihnen gestaltet, bis er schließlich selbst zu einer legendenhaften Persönlichkeit sich entfallet. Doch wirkt das Schicksal des lcidvollen Peccavi, gegen Meister Florents Abenteuer gehalten, wie ein vielstimmig harmonisiertes Lied einem Canlus planus gegenüber und ein paslos gemaltes Bild neben einer linearen Zeichnung. Denn nicht eine Idee, und sei es ein hirngeborener Wahn, ist es, was ihn bewegt. Blut, der geheimnisvolle Saft, der aus Urvaters Zeilen kommt und durch Geschlechter rollend, vielfachen Inhalt sammelt, rumort in seinem Innern, und seine Mächte, anläßlich der Dreyfus-AfTäre geweckt, bringen den Armen zur Strecke. Anläßlich . . . „Anlässe" — nannte Lunel einen Novellenband, der nach dem Seilermeister, kurz vor dem zweiten Roman erschienen ist. Wie vor dem Kampfe Schwerter gewetzt werden, schleift er da den Begriff, der nun Eckstein seiner Weltanschauung wird und übt mannigfaltig den Kunstgriff, der fortan ein Haupthehelf seiner Komposition ist. Anläßlich eines äußeren Ereignisses, Welten an inneren Kräften aus den Angeln zu heben, ihrem Spiel und Verwicklungen, weit außerhalb der ersten Ursache, nachzugehen, dieser Aufgabe