Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Armand Lunel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 550 (sequence 3)
- Language
- German
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550 MENORAH Erbschaft eines Vorfahren, der vielleicht Jude gewesen war, und umlaufende Gerüchte kamen ihm in den Sinn. Durch Zufall erhielt er bald darauf Dreyfusfreundliche Broschüren, die Bosheit ihm von Zeit zu Zeit ins Haus schickte. Er las sie diesmal und spürte deutlich, das Leben eines Blutnahen siehe hier am Spiel. Daß Dreyfus unschuldig und er selbst ein Jude sei, war ihm nun zweifellose Gewißheit. Paroxysmen an Leiden und inneren Kämpfen folgten. Als ihn einmal in der jüdischen Kleidung des unbekannten Ahnen seine vergötterte Frau überraschte, erkrankte sie an einem Nervenfieber und brach, genesen, alle Beziehungen zu ihm ab. Verlassen und einsam, wankt er zwischen dem Christen, der die Fassade ist, und dem Juden, der unausrottbar drinnen haust. Beleidigt den einen in sich durch antijüdische Manifestationen, verleugnet den anderen durch freundschaftliche Besuche im Judenhaus. Und fühlt sich schuldig den Christen gegenüber und sündiger noch im Verhältnis zu den Juden. Nicolo-Peccavi, der Name, den er führt, wird ihm zur Qual. Zusammengeschweißt aus dem üblichen Rufnamen italienischer Hanswurste und der düsleren. Formel, mit der reuige Sünder ihre Schuld bekennen, faßt er in sich das Geheimnis und die Tragödie seines Daseins. Ein dickes Heft, das ihm Abranet schweigend reichte, war dessen ganze Antwort. Es gab dem Gequälten auch wirklich volle Klarheit, denn es enthielt die Geschichte seiner Familie, von Abranet gesammelt und niedergeschrieben. Bonjusa Velleron, ein halbverrückter Jude, der um 1770 in Carpenlras leble und sich mit Astrologie beschäftigte, hieß der Stammvater. Ärmer als der ärmste in der Gemeinde, dünkte er sich noch zu jeder Arbeit zu gut und die Rolle des Magen, die er bei den jährlichen Purimspielen übernahm, war die einzige Leistung, die er in seinem Leben vollführte. Als aller Mann heiratete er, halb aus Mitleid und halb der Gemeinde zum Trotz, eine hergelaufene deutsche Jüdin, die einzige, die aus einer Bande landstreichender, landesverwiesener aschkenasischer Juden im Krankenhaus von Carpentras bleiben durfte. Er, Judith und das Kind fristeten dann ihr Dasein auf die Weise, daß sie im nahen Kloster Unterstützungen erbaten, fest versprechend, sich taufen zu lassen. Als Judith starb, floh Bonjusa mit dem Sohn. Doch zwangsweise wurde er von der Geistlichkeit in die Stadt zurückgeholt und mußte sich, bei Nicolo, dem Kirchendiener und bischöflichen Hofschneider wohnend, zur Taufe vorbereiten. Im selben Augenblick, als ihn die Judengemeinde verfluchle und Unglück für seine Nachkommen vom Himmel erbat, feierte die Kirche festlich die doppelte Taufe. Peccavi — ward er nun genannt. Und da er des Küsters Kompagnon wurde und sein Sohn dessen Tochter heiratete, blieb Nicolo-Peccavi der Name der Firma und bald auch derjenige der gemeinsamen Erben. Der letzte Sprößling der Familie, die einstweilen zu großem Reichtum und Ansehen gelangte, Auguslin, der Zeitgenosse Abrancts, war unstet im Wesen und unglücklich im Leben, kinderlos trotz zweier Ehen, ganz offenbar gezeichnet von dem Fluch, den die Frommen der Gemeinde auf seinen Großvater warfen. Denn an ihm, dem letzten seines Blutes, sollte sich, den Verwünschungen gemäß, das Schicksal der Abtrünnigen in Grauen vollenden. Die Enthüllungen nahmen allen Zweifel. Doch ihre Folge war, daß Nicolo-Peccavi tief überzeugt, es laste über seinem Haupte ein unabwendbares Verhängnis, und gleichzeitig voll wahnsinniger Angst vor dem Zusammenbruch seiner Existenz, eine Torheit um die andere beging und schließlich, ohne rechten Grund, den Bankrott seines geliebten Unternehmens erklärte. Als ihn dann fjcin Frau verließ und er erfuhr, sie hätte ihn schon lange betrogen, da fiel er der Nacht onheim, die in letzter Zeit immer stärker seinen gequälten Geist umfing. Aber auch jetzt noch ruhelos, floh er aus dem Asyl und lebt als Träger im heimatlichen Carpenlras, wo Gassenjungen ihn umringen und verhöhnen wie vordem seinen Ahnen, den halbverrückten Bonjusa Velleron. Und am Ende der Tage, als alles, was