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Menorah · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · p. Seite 549

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 9 (September 1927)
Article
Armand Lunel
Date
1927-09-01
Page
Seite 549 (sequence 2)
Language
German
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ARMAND LUNEL 549 wichtig, als zu wissen, was wir sind" ineint ein Held Lunels. „Da genügt es, seine Vergangenheit zu kennen, aber dann auch die tiefste, ganze Vergangenheit, und es gibt nichts Unerklärliches mehr" — lautet die Antwort, die des Dichters Credo ist. Carpentras, seine Geburtsstadt, die in ihm lebt, will Lunel gestalten. Sie ist der Handlungsort seiner Erzählungen. All ihre Typen: Handwerker, Juden, Archivare, Sammler, all die Menschen, die ihre uralten, holprigen Straßen bewohnen, kehren in seinem Buch wieder. Und das Zwielicht, worin das Leben an solch ehrwürdigen Ställen getaucht ist, wo alle Wirklichkeit phantastisch wirkt, weil sie mit gar so vielen Fäden an der verwitterten Vergangenheit hängt und alle Vergangenheit lebendig erscheint, weil sie den Gemütern immer gegenwärtig ist, jene ganz einzigartige Doppelbeleuchlung erinncrungsbcladener Dinge webt um alle Gestalten Lunels. Wirklichkeitsnah und doch legendenhaft sind sie, und die Begebenheiten, folgerichtig entwickelt und normal ableitbar wie sie sind, ergeben doch ein Leben, von dem nur noch Märchen singen und sagen. „Seine ganze, tiefste Vergangenheit" — hieß es. Lunel ist aber Jude. Sohn eines allen Rabbinergeschleehles, und Carpentras eines der ersten und wichtigsten Zentren der Judensiedlungen auf französischem Boden, eine jener Arba Kchilloth, die, zum Papslslaate gehörend, verhältnismäßig wenig lillen, und inmitten einer hochkultivierten Bevölkerung gelegen, selbst eine hohe Kultur entwickelten. Es ist also eine ganz konsequente Entwicklung, dieselbe, die den überfeinerten Ästhelen Barres zum Verfechter des Katholizismus, Aricrtum, Romanentums u. d. m. machte, wenn sein Jünger Lunel bald, den vorgezeichneten Weg verfolgend, den jüdischen Kern seines Ich entdeckte und seine Heimat in die Judengasse verlegte. Was ihn jetzt beschäftigt, ist nicht mehr schlechthin Carpentras und auch nicht mehr die Juden von Carpentras, wie sie bisher gelegentlich durch seine Erzählungen gingen. Es ist das Carpentras der Juden, die uralte Juiverie mit ihren Menschen und mannigfaltigen Schicksalen, die er nun studiert. Nach kleinen Skizzen, die dem jüdischen Leben in den Ghettos der venessinischen Gemeinden gewidmet sind, nach einem Neudruck eines alten Purimspieles, welches sein Ahne, Jacob de Lunel, Rabbiner zu Carpentras, im Jahre 1774 in Druck legte, läßt er seinen zweiten Roman erscheinen: „N i c o 1 o - P e c c a v i". mit dem Untertitel: „Die Dreyfus-Affäre in Carpentras." Einen Judenroman, wohl den schönsten, den wir besitzen. Nach Carpentras sind wir wieder versetzt, gegen Ende der Drcyfus-Affäre, als kurz vor der Befreiung, noch einmal in Reimes, die Schuldfrage bestätigt wurde. Die Welle des Antisemitismus, der damals das Land beherrschte, war auch in Carpentras zu spüren, um so stärker, als nahe Verwandte des Angeklagten hier ständig wohnten. An der Spitze der Judcnhasser stand Nieolo- Peccavi, der Chef des gleichnamigen Unternehmens, das der gesamten Geistlichkeit ihre Kleider lieferte, obendrein Obmann aller klerikalen Vereine. Wie groß wTar also das Staunen im Hause des vornehmen Juden Abranet, als eines späten Abends, nach besonders heftigen Demonstrationen, Nicolo-Peccavi, stark verkleidet, Einlaß begehrte und, empfangen, sich als überzeugter Dreyfusard entpuppte. Im Laufe der Besuche, die sich jetzt häufig wiederholten, ohne daß Nicolo-Peccavi die Rolle eines militanten Antisemiten aufgegeben hätte, erzählte er, wie er dazu kam, innerlich die Partei Drcyfus' zu ergreifen, obwohl ihn Erziehung, Stellung und Heirat eindeutig zum Judenverächter bestimmten. Schon lange quälte ihn — beichtet er — das Geheimnis seines Wesens, das aus Güte und Heiligkeit, Treue und Wankelmut, Mut und Tollkühnheil seltsam gemischt, ihm selbst stets ein Rätsel war. Als er dann einmal zufällig unter allem Plunder einen Koffer fand, in dem ein gelber Hut, das Abzeichen päpstlicher Juden, ein zerschlissenes hebräisches Buch und ein langer, sternbesäter Mann zum Vorschein kam, da ahnte er, dies sei die

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