Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Armand Lunel
- Date
- 1927-09-01
- Page
- 548 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ARMANDLUNEL Die wundersame Geschichte vom Seilermeisler Florent ist Armand Lunel erstes Werk. Mit einer Grazie, die an altfranzösische Fabliaux erinnert, deren zarte und doch herrliche strafte Kunst hier wachgerufen ist, erzählt er, wie der traumverlorene Meister, der erbeingesessene Seiler von Carpenlras, von einem boshaften Feind betört, den Eid schwört, Haus und Hof zu verlassen und rund um die Welt zu wandern. Denn auf diese Weise glaubt er Ruhm und Ehre seines Standes mehren zu können. Ein geheimnisvoller Vogel, davon ist er überzeugt, wird ihn des Weges leiten und ein Seil, von ihm selbst gedreht, wird, magischer Kräfte voll, sich immerfort dehnen, bis es den Erdball umspannt, der dann widerhallen soll vom Lob des märchenhaften Meisters. Ein alter Hirt, den er nach seltsamen Erlebnissen begegnet, ein ganz merkwürdiger Gesell auch er, lädt ihn zu einem nächtlichen Fest ein. Roßhändler und Postillione, wie sie sonst nur noch in Liedern und Sagen leben, Wirte vergangenen Schlages, kurz, alles Volk, das einst die Welt bevölkerte und jetzt am Aussterben, fast nur noch aus Bilderbüchern bekannt ist, kam hier zusammen, um sich gegenseitig Kraft zu spenden zum schweren Dasein Aiizulanglebender. Den Vorsitz führte Don Isaak de Pampeluno, ein alter, vornehmer Jude aus Carpentras, eine Hiobsgeslalt, der Senior aller, die unterwegs leben, am Rande des Todes und außerhalb der Gegenwart. Er ist es auch, der Meister Florent behutsam seines Schwures entbindet, weise, ohne ihm den Wahn zu nehmen, das Seil sei wunderwirkend und der Vogel seine Vorsehung. Ihm gelingt es auch, den Ruhmsüchtigen zu bestimmen, den Weg nach Hause anzutreten, wo Frau und Kinder sich in banger Sehnsucht verzehren. Legenden, die einstweilen seinen Namen umwoben, eilten dem Rückkehrenden voraus. Und als er in der Vaterstadt anlangte, da ward er als Heros empfangen und kannte doch nur Hohn, bevor er auszog. Seiner Pflicht und Würde, die sagenhafte Persönlichkeit zu sein, wohlbewußt, meidet Meister F'lorent, einst fleißig und treu, jetzt Frau und Arbeit. Sein Leben gilt nur dem Verbreiten jener Legende, die er lebend geschaffen halle, und ganz in den Dienst des sagenhaften Scilcrmeisters ist das Tun und Denken des wirklichen gestellt. Der Vogclhändler, sein Feind, der ihm seinerzeit jene Idee eingab, muß nun dem unerwarteten Ansehen des Träumers weichen und verließ unter Holm und Spott die Heimatstadt. Doch ward auch ihm ein Triumph beschert: Meisler Floreiiis Frau, die wackere Philomele, schenkte ihm jetzt, von ihrem ruhmtrunkenen Manne tief enttäuscht, die Liebe, die sie ihm einst versagte, als er um sie warb und sie den anderen vorzog. Das Buch, ein ganz ungewöhnlicher Wurf eines Anfängers, zeigt deutlich die Persönlichkeit seines Autors, und die künstlerische Atmosphäre, in und aus der es entstand. Jone Ncoromantik spricht sich hier aus, die in Maurice Barres ihren beredtesten Wortführer fand, und als Reaktion gegen den positivistischen Rationalismus und Naturalismus der früheren Generalion sich in Mystik. Liebe zur Vergangenheit und Anbetung aller Eigenart erging. Der RegionaUsmus, wie mau die Einbürgerung der einzelnen Provinzen Frankreichs in der Literatur nennt, ist die Quintessenz der neoromantischen Tendenzen. Denn Barres — dies war sein Ausgangspunkt — sleilte vor allem dem ausgeprägten Objektkult des Naturalismus einen ebenso stark betonten Subjeklkult gegenüber. Um aber das kleine Ich mächtiger zu gestalten, erweiterte er es, zwar nicht in metaphysische Unendlichkeiten wie seine Vorgänger, die ersten Romantiker — wohl aber fern in den Raum, tief in die Zeit hinein. Der winzige Punkt des Einzelsubjekts ward so zur Sammelstelle magischer Kräfte, die durch Geschichte, Rasse und Land darin angesetzt, jetzt seine Hintergründe bilden. „Das Leben ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Nichts ist für unser Heil so