Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Die Juden in Bulgarien einst und jetzt
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 546 (sequence 4)
- Language
- German
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54-6 MENORAH Portugals ihre iberische Heimat verlassen mußten, wandten sie sich größtenteils nach der Türkei. Über Saloniki und Konstantinopel ergoß sich der Flüchtlingsstrom in alle Teile des gewaltigen osmanischen Reiches und auch in den Städten Bulgariens ließ sich eine beträchtliche Anzahl jüdischer Flüchtlinge nieder. Einer solchen Flüchtlingsfamilie gehörte der berühmte jüdische Gelehrte Josef Caro, der Verfasser des Schulchan Aruch" an, dessen Familie sich im Städtchen Nikopol niedergelassen hatte. Die seit altersher in Bulgarien ansässigen Aschkenasim verschmolzen in der Folgezeit mit den sephardischen Juden, welche ihnen kulturell und numerisch überlegen waren. Die alten Gemeinden der Aschkenasim verschwanden allmählich und die gesamte Judenheit der Balkanländer nahm im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts mit den Sitten und religiösen Gebräuchen der sephardischen Glaubensgenossen auch die spaniolische Umgangssprache an11). Außer den über Saloniki und Konstantinopel nach Bulgarien eingewanderten Sephardim kamen auch Juden aus der Provence und aus Italien, durch den lebhaften Handelsverkehr der unteren Donauländer mit Ragusa, Venedig und Genua angeregt, auf dem Landweg über Serbien nach Bulgarien. Noch heute gebrauchen die Spaniolen in einigen Gemeinden Bulgariens, wie in SamokofT und Tatar-Pasardjik, zahlreiche italienische Wörter in ihrer Umgangssprache12). Die Erinnerung an die westliche Heimat der Spaniolen ist bis heute im Volke lebendig geblieben; so heißt es in einem in Rustschuk aufgezeichneten spaniolischen Volksliede: „Mi padre era di Francia, mi madre d'Aragon . . .13).£i In der abendländischen Reiseliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts, in der die berühmte Heerstraße von Belgrad nach Konstantinopel vielfach Beschreibung gefunden hat, werden die jüdischen Gemeinden von Sofia, Tatar-Pasardjik und Philippopel häufig erwähnt. Die erste Notiz in der abendländischen Reiseliteratur über die Juden von Sofia teilt Benedetto Ramberti im Jahre 1534 mit. Nach dem Berichte des Reisenden K. Zen gab es im Jahre 1550 in Sofia spanische und ungarische Juden; in Philippopel waren damals 300 Häuser spanischer und ungarischer Juden vorhanden14). Ein venezianischer Reisender fand im Jahre 1559 in Küstendil im südwestlichen Bulgarien eine kleine Kolonie spanischer Juden vor, die aus Saloniki eingewandert waren15). Eine bemerkenswerte Notiz findet sich im Reisetagebuche Stefan Gerlachs, der im Jahre 1578 durch Sofia reiste; über die Sofioter Juden berichtet er folgendes: ,,Es wohnen... über die 300 Juden, die ihre deutsche,